Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.11.10, Pfarrer Titus Reinmuth

Nichts gegen Fremde

„Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber dieser Fremde dort ist nicht von hier!“

Der gute alte Methusalix, bekannt aus der Comic-Reihe Asterix und Obelix, hat über Fremde seine ganz eigene Meinung. Durch eine seltsame Fügung war eine fremde Familie in das berühmte kleine gallische Dorf gelangt. „Neuankömmlinge? Was sind das für Leute?“ so fragt auch Gutemine, die Ehefrau des Häuptlings, mit einer gewissen Skepsis, wenn nicht Argwohn. Die guten alten Vorurteile, die Einheimische gegen Fremde nun mal haben können, sie werden hier augenzwinkernd auf die Schippe genommen. Am Ende gibt’s wieder reichlich Zaubertrank und Wildschweinbraten, und die einzigen Fremden, die wirklich lästig sind, die Römer nämlich, bekommen ordentlich eins auf die Mütze. Alles in bester Ordnung bei Asterix und Obelix.

In Deutschland gibt es eine neue Debatte über Integration. Und wer all die Talkshows und Kommentare verfolgt, merkt schnell: Irgendetwas ist hier gar nicht mehr in Ordnung. Gelassenheit, Humor, Augenzwinkern? Völlige Fehlanzeige. Stattdessen verbissene Diskussionen und tatsächlich dumpfe Vorurteile: Dieser Fremde dort ist nicht von hier! Ob die deutschen WM-Stars Mesut Özil, Lukas Podolski und all die andern sich da überhaupt noch zuhause fühlen? Und was ist mit Ahmed, der den besten Döner im Kiez macht und preiswert noch dazu? Und was mit Fabio, dessen unschlagbare Pizza mich oft rettet nach einem langen Arbeitstag? Müssen sie ausbaden, was ein Thilo Sarrazin mit seinen verqueren Thesen angerichtet hat?

Nun gut, es gibt ein paar Probleme: Die „Neuankömmlinge“ aus der Türkei, von uns als Gäste umworben und hierher gebracht, sie sind geblieben. Unser Land hat es gewollt und ermöglicht, hunderttausende haben gearbeitet, Steuern und Sozialversicherung gezahlt oder sich selbstständig gemacht. Und doch ist da dieser türkische Mann, um die 60, der im Fernsehen zu sagen versucht, er fühle sich längst als Deutscher. Das Problem ist, man versteht ihn kaum. Und wer in seinem Viertel spazieren geht, versteht die meisten Schilder nicht. Sie sind auf Türkisch.

Was ist da schief gelaufen? Andere, aus Russland etwa, sind nun auch schon 20 Jahre hier. Sie sind gekommen, um zu bleiben, von Anfang an. In all den verschiedenen Kulturen und Nationalitäten gibt es diejenigen, die längst hier zuhause sind und voll integriert, die fließend deutsch sprechen, arbeiten und Fußball spielen, Firmen gründen und Politik machen. Und es gibt die andern, die unter sich bleiben, sich abschotten und kaum integrieren wollen. Mag sein, da muss die Politik noch lernen und anders handeln. All diejenigen, die tatsächlich für Integration arbeiten, in Kindergärten und Schulen, in Kirchengemeinden und Kulturzentren, haben da längst gute Vorschläge. Um das zu erreichen, muss niemand dicke Bücher schreiben und in Talkshows über die Gene, die Intelligenz und den „Volkscharakter“ anderer schwadronieren.

Mag sein, dieser Fremde dort ist nicht von hier. Aber er ist ein Mensch und verdient Respekt. Ganz gleich, ob er Mehmet heißt und in Duisburg lebt oder Orthopädix und sich in ein kleines gallisches Dorf verirrt hat. „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken“, sagt die Bibel, „er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ Das ist doch bemerkenswert. Die Nächstenliebe, das höchste Gebot von Juden und Christen, sie gilt ausdrücklich den Fremden. Und warum? Ihr seid selbst Fremde gewesen. Wie übrigens auch Pierre Littbarski, Marietta Slomka und Thilo Sarrazin. Na also, geht doch.

Audiobeitrag Nichts gegen Fremde


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