Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.11.10, Pfarrer Matthias Köhler

I will survive

„Das musst du dir mal ansehen! Auf Youtube! Die tanzen in Auschwitz! Echt!“Ich erschrecke. Tanzen in Auschwitz?

Tanzen an einem Ort, an dem mehr als 1 Millionen Menschen grausam, industriell, kaltherzig ermordet wurden? Tanzen am Ort des Grauens?

Das geht doch gar nicht, denke ich, als ich das Video aufrufe. Hunderttausendfach ist es bereits angeklickt worden. Ein alter Mann und vier junge Leute stehen da vor dem KZ. Sie tragen weiße T-Shirts mit der Aufschrift „Survivor“ – Überlebender. Und plötzlich geht die Musik los. „I will survive“ singt Gloria Gaynor mit kraftvoller Stimme und die fünf beginnen zu tanzen, bewegen die Füße, die Hüften, die Arme. I will survive – ich werde überleben. Und tanzen. In Auschwitz. Ein Tabubruch. Wer sind diese Menschen, die sich das trauen?

Einer von ihnen ist Adolek Kohn. Er verlor als 18 jähriger seine drei Brüder im Ghetto von Lodz, als die Deutschen Polen mit Krieg überzogen. Seine Mutter wurde an der Rampe in Auschwitz von ihm getrennt und im Gas ermordet. Doch er überlebte den Völkermord. Heute ist er 89 Jahre alt, ein Greis mit grauem Schnurrbart, rauer Stimme und leisem Lachen.

Nach dem Krieg ist er zusammen mit seiner Frau nach Australien gegangen – so weit weg wie nur möglich. Seit 65 Jahren ist er verheiratet mit Marysia, die er im Ghetto kennenlernte. Sie haben zwei Töchter, sechs Enkel und zwei Urenkel – das dritte ist unterwegs. Seine Tochter Jane Korman, eine Aktionskünstlerin, hatte die Idee, mit Ihrem Vater zu den Orten zu fahren, an denen er die schlimmsten Verbrechen erleben musste. Sie fuhren in die Konzentrationslager nach Lodz, Auschwitz, Theresienstadt und Dachau. Und überall tanzten sie. Jane Korman zeichnete ein vierminütiges Video auf, für die familiäre Erinnerung.

Als sie es auf youtube veröffentlichte, brach sofort die Debatte los. Begeistert und hitzig. Dass sie zu Tränen gerührt seien, kommentierten viele das Video. Dass das Leben über den Vernichtungswillen der braunen Schlächter gesiegt hat. „Adolek Kohn lebt und die braunen Banden sind tot - welch ein Triumph, nicht nur für ihn, sondern für uns alle.“ Und dass man die alten und neuen Nazis gar nicht besser mit dem Mittelfinger grüßen kann, als so, schreiben die einen. Das es pietätlos ist, am Ort des Grauen zu tanzen, die anderen. Das einzig angemessene Verhalten sei Schweigen.

Adolek Kohn hat geschwiegen. Er hat gebetet, geweint, getrauert. Und getanzt.. Wir tanzen immer, sagt er, das ist bei uns in der Familie so üblich. Natürlich war es auch schwer für mich.

Warum er das getan hat? „Weil ich mit meinen Enkeln da war“, sagt er. „Weil sie nicht erfolgreich waren mit ihrer Vernichtung.“

Wenn es Gott gibt, dann ist er in Auschwitz gestorben, sagen viele. Ja. Mit jedem einzelnen Opfer ist er dort und anderswo gestorben. Aber Gott ist nicht tot. Er lebt. Und er tanzt. Tanzt mit Adolek Kohn den Tanz des Sieges über den Tod. Tanzt mit uns – wenn wir ihn lassen.

Wenn mir das damals jemand gesagt hätte, sagt Adolek Kohn heute, dass ich 63 Jahre später mit meinen Enkeln herkommen würde, hätte ich gesagt: Wovon redest du? Wovon redest du? Aber da sind wir nun! Das ist wirklich ein historischer Moment.“

Audiobeitrag I will survive


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