Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.11.10, Pfarrer Reinhard Ellsel

Das Fischernetz

Liebe Hörerinnen und Hörer! Meistens sind sie kalt, stürmisch und nass - diese Novembertage. Eine ungemütliche Zeit.

Der Wind zerrt die letzten Blätter von den Bäumen, die nun kahl in der Landschaft stehen. Ein trister Monat. Der November lässt dunkle Gedanken in einem aufsteigen. Wie sieht die Bilanz meines Lebens aus? Bin ich hier auf dieser Erde eigentlich so richtig zu Hause? Ein kluger Mensch hat gesagt: "Jeden Tag einmal an den Tod denken - und dann leben!" Ich verstehe das so: Das Nachdenken über den Tod hilft mir dabei, dass ich mein Leben mutiger lebe, mit mehr Entschlossenheit.

In dieser Novemberwoche denke ich über Gleichnisse nach, die Jesus über das Ende aller Zeiten erzählt hat. Diese Gleichnisse sind Beispielgeschichten, die uns die Augen für das Leben öffnen.

Sprecherin: "Ich möchte das Himmelreich vergleichen mit einem Fischernetz, das im See ausgeworfen wird und mit dem man Fische von jeder Art fängt. Ist das Netz voll, so ziehen es die Fischer an Land, setzen sich hin und sortieren den Fang. Die guten Fische kommen in Körbe, die unbrauchbaren werden weggeworfen. So wird es am Ende der Welt sein. Die Engel Gottes werden kommen und die, die nicht nach Gottes Willen gelebt haben, von denen trennen, die getan haben, was Gott will."

Ich stelle mir vor, dass Jesus dieses Gleichnis am See Genezareth erzählt hat. Im Haus des ehemaligen Fischers Simon Petrus sitzt Jesus mit seinen Jüngern zusammen. Den Tag über hatte Jesus zu vielen Menschen gepredigt. Wie ein Menschenfischer warf er mit seinen Geschichten ein Netz aus auf die vielen Suchenden und Fragenden, die Zweifelnden und Hoffenden. Es war so, als wollte Jesus sie zu sich ziehen: "Kommt in mein Boot! Lasst euch einladen! Gott ist nahe! Steigt ein in ein gelingendes Leben! Kommt, und folgt mir nach!"

Am Abend nun überlegen Jesus und seine Jünger, was die Leute wohl mitbekommen haben von seiner Botschaft. Mit dem Gleichnis macht Jesus seinen Jüngern deutlich, dass an diesem Abend noch längst keine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Erfolg gegeben werden kann. Wer hat sich wirklich einladen lassen zu einem gelingenden Leben - zu einem Leben nach Gottes Willen? Erst am Abend aller Tage, am Ende der Welt, wird es darauf eine gültige Antwort geben. Gott wird selbst diese Antwort geben, nicht wir Menschen.
 
Liebe Hörerinnen und Hörer, dieses Gleichnis entlastet mich. Es entlastet mich von dem Druck, ständig nach dem Erfolg meines Lebens fragen zu müssen. Der Gedanke an meinen Tod könnte mich zwar auch sehr unruhig machen. Wenn ich versuchen würde, ganz viel aus meinem Leben herauszuholen. Dann wäre ich mir selbst ein unbarmherziger Richter und gnadenloser Antreiber. Aber ich kann gelassen sein. Es genügt doch schon, wenn ich ehrlich versuche, Jesus auf der Spur zu bleiben.
Die Frage nach dem Erfolg ist für Jesus zweitrangig. Dagegen macht mir seine Zusage schon heute Mut: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matthäus 28,20)

Audiobeitrag Das Fischernetz


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