Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.10.10, Pfarrer Eberhard Helling

Sola Gratia– oder: von der Schönheit Gottes im evangelischen Glauben

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer; mein Name ist Eberhard Helling. Ich bin evangelischer Pfarrer in Lübbecke.

Evangelisch? Das hat mit der Reformation zu tun, die vor 500 Jahren begann. Heute, am 31. Oktober ist Reformationstag. Und ich glaube : Es steckt etwas Schönes, etwas sehr Schönes in diesem Tag.       

Musik: Jaques Loussier, Play Bach Highlights, 2008Universal Music Classics & Jazz, LC 00699, Track 6, Aria

Autor: Sola gratia - allein aus Gnade sind wir vor Gott gerecht; etwas ganz Entscheidendes im evangelischen Glauben. Gratia – Gnade ... darin liegt noch etwas ganz Unerwartetes: nämlich Grazie! - allein aus Grazie, allein wegen der Anmut, nur wegen Gottes Schönheit können wir Menschen vor Ihm bestehen ...

Musik: Aria

Autor: Der 31. Oktober ist erst sehr spät zu einem echten Gedenktag geworden. Martin Luther hat an diesem Tag im Jahr 1517 seine berühmten 95 Ablassthesen veröffentlicht. Immer wieder hat Luther im Laufe seines Lebens betont, dass für ihn mit diesem Datum der Beginn seiner öffentlichen Auseinandersetzung mit der römischen Kirche verbunden ist. Ist das schön?

Dieses Datum ist oft missbraucht worden, um die Anliegen der jeweiligen Zeit nach vorne zu bringen – nur mit Luthers ursprünglichen Absichten hatten diese Reformationsfeierlichkeiten dann nicht mehr viel zu tun. Gleich das erste offizielle Reformationsgedenken bekommt einen ganz eigenen Beigeschmack. Es findet genau 100 Jahre nach dem Ursprungsdatum statt. Der 31. Oktober 1617 ( – es ) ist der Vorabend des Dreißigjährigen Krieges. Die Protestantische Union, ein politischer Zusammenschluss protestantischer Fürsten und Städte findet sich zusammen. Sie wollen sich auch geistig gegenüber der katholischen Welt behaupten. Die Protestanten suchen für den 31. Oktober einen Predigttext aus, es wird das zweite Kapitel des zweiten Thessalonicherbriefes; die klassische Stelle über den Antichrist. Dort steht:      

Sprecher: Lasst euch von niemandem verführen; es muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit muss offenbar werden, der Sohn des Verderbens. Er ist der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.      
    
Autor: Noch lange Zeit wird diese Stelle in evangelischen Predigten auf den Papst hin gedeutet – mit all den verheerenden Folgen, die solch eine Deutung hat.  200 Jahre später, im Oktober 1817 feiert das protestantische Deutschland den Bibelübersetzer Luther. Damit huldigt man in dieser Zeit den Schöpfer der deutschen Sprache; eine Erfindung, um das national-protestantische Bewusstsein zu fördern. Während des ganzen 19. Jahrhunderts verfestigt sich diese Haltung in vielen führenden Köpfen; sie steigert sich schließlich in eine Verblendung hinein, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgendermaßen anhörte: 

Sprecher: „In das germanische Volk war das römische Papsttum als ein fremder zersetzender Geist eingedrungen. Jahrhunderte hindurch in stets gesteigerter Wirksamkeit geblieben, hatte er in der deutschen Nation einen tiefen Zwiespalt erzeugt. Es gab ein einheitliches Deutschtum nicht mehr. Die bestehende Spaltung zu schließen, Deutschland aus der Zersetzung durch das Römertum zu befreien, das deutsche Wesen in sich zu sammeln zu nationaler Einheit – das war es, was das Volk neben den kirchlichen Reformen brauchte, wonach es verlangte und was es mit der Kirchenverbesserung zugleich erreichen musste. Luthers Werk war ein Einigungswerk.“  *

Autor: So hört sich die unschöne Seite des Protestantismus an. Dabei liegt gleich in der ersten der 95 Ablassthesen Luthers, das ganze Potenzial eines schönen Glaubens. Diese These lautet:           

Sprecher: Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: „Tut Buße“, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.  **

Musik:

Autor: Am Anfang von Luthers These steht Jesus Christus. Das ist der Grund eines schönen Glaubens; Gott ist schön, weil er sich in dieser Person bekannt gemacht hat. Denn schön ist es, wenn man sich vielleicht nach langer Zeit, vielleicht völlig überraschend wiedersieht. Und genau das geschieht in der Person Jesu. Gott und Mensch sehen sich wieder, sie treffen sich in Jesus Christus. Und der christliche Glaube wird schön, wenn er zu diesem Treffen, zu dieser Person hinzukommt. Konkret bedeutet dies, sich zu fragen, was Jesus tun und lassen würde – und dann etwas Neues im Leben zu versuchen. Diesen Versuch, im Namen Jesu etwas Neues im Leben anzufangen, nennt Luther in seiner These Buße.

Luther erfährt diese Art der Buße als große Befreiung. Bis dahin ist er immer wieder unzufrieden mit seinem Leben; er weiß, dass er es seinen Eltern schwer gemacht hat, als er Mönch wurde; sie hatten eine ganz andere Karriere für ihn vorgesehen. Deswegen tauchen bei ihm Fragen auf: Wohin gehöre ich? Was will Gott von mir? Wie kann ich glauben, dass Gott es gut mit mir meint, wenn ich das Gegenteil fühle? Mit diesen Fragen geht Luther als junger Mönch zu seinem Beichtvater, Johann von Staupitz – und noch als alter Mann erinnert er sich dankbar daran, was Johann von Staupitz ihm damals geantwortet hat.       

Sprecher: Ich führte einmal bei meinem Staupitz Klage über die Erhabenheit ... (Gottes). Er antwortet mir: In den Wunden Christi versteht und findet man (sie), ... nirgendwo anders. ... Der (himmlische) Vater hat gesagt; ich werde euch einen Weg geben, um zu mir zu gelangen, freilich Christus. Geht, glaubt, hängt euch an Christus, so wird es sich wohl finden, wer ich bin zu seiner Zeit. ***
           
Autor: Sich auf Jesus Christus zu konzentrieren, befreit Luther von vielen Fragen, die ihn umgetrieben haben. Er weiß jetzt, wohin er gehört und in welcher Richtung er weiter gehen kann. Zugleich liegt in dieser Ausrichtung auf Jesus Christus ein großes kritisches Potenzial gegenüber allen Kräften, die ihn klein und minderwertig machen wollen.

Als die Nationalsozialisten mit ihren Lügen und ihren Gewaltaufmärschen viele Menschen beeindrucken, da entdecken die Mütter und Väter der Bekennenden Kirche dieses kritische Potenzial wieder. Sie sind eine kleine Minderheit in ihrer Zeit. Sie fragen sich, was diese Machtdemonstrationen für ihren Glauben an Jesus Christus bedeuten. Sie machen nicht einfach mit. Sie finden sich im Mai 1934 in Wuppertal-Barmen zusammen und formulieren die Theologische Erklärung von Barmen. Darin bekennen sie unter anderem:  

Sprecher: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften. ****      

Autor: In diesen Sätzen wird der Glaube an Jesus Christus zu einer persönlichen und einer politischen Weichenstellung. Die Nationalsozialisten wollen alle Bereiche des Lebens beherrschen. Sie dulden neben sich keine anderen Herren. Da sagen Mütter und Väter im Glauben: nicht mit uns! Auch wenn alles auf dem Spiel steht, unser Herr heißt Jesus Christus. Dem können wir sogar dann noch vertrauen, wenn wir alles verlieren, wenn wir sterben sollten. Wie schön, wie gut, dass wir in unserer Kirche solche Stimmen haben!   

Musik: J. Loussier, a. a. O., Choral No. 1 “Wachet auf, ruft uns die Stimme”, Track 12, 
            
Autor: In Freundschaft und Gottesdienst – hier leuchtet bis heute diese besondere Schönheit Gottes, von der die Barmer Erklärung und Luther sprechen. In den sogenannten Schmalkaldischen Artikeln, einer Bekenntnisschrift der lutherischen Kirchen hat Luther dies auf seine eigene Art benannt. Nachdem er sich ausführlich mit den Missständen beschäftigt hat, die er in der römisch-katholischen Kirche wahrnimmt, schreibt er unter der Überschrift „Vom Evangelium“: 

Sprecher: Wir wollen nun wieder zum Evangelium kommen, welches nicht mir auf einerlei Weise Rat und Hilfe wider die Sünde gibt. Denn Gott ist reich in seiner Gnade: Erstens durchs mündliche Wort, worin Vergebung der Sünde gepredigt wird in alle Welt, welches das eigentliche Amt des Evangeliums ist. Zum andern durch die Taufe, zum dritten durchs Heilige Sakrament des Altars; zum vierten durch die Kraft der Schlüssel und auch (per mutuum colloquium et consolationem fratrum, das heißt:) durch gegenseitiges Unterreden und Trösten der Brüder, denn so steht es geschrieben im Matthäusevangelium, Kapitel 18,Vers 20: (Ubi duo fuerint congregari etc.)wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. *****

Musik: J. Loussier, a.a.O., Toccata in d minor, Track 1,    

Autor: Verkündigung, Taufe und Abendmahl, also im Gottesdienst können wir das Evangelium hören. Der findet jeden Sonntag statt und jeden Sonntag haben wir die Chance Gottes Schönheit, seine Wahrheit, seinen Reichtum zu entdecken: denn Gott sagt, dass er all dies nicht für sich haben will, sondern dass er auch unser Leben schön, wahr und reich machen will. Darum hat sein Sohn, Jesus Christus auf dieser Welt gelebt, damit wir Menschen Anteil bekommen an dieser göttlichen Schönheit. Die Taufe ist der Anfang dieses schönen Lebens mit Gott und im Abendmahl feiern wir, wie schön es ist zu Gott und zu seiner Kirche zu gehören.

Der andere Lebensbereich, den Luther anspricht und in dem wir die Schönheit Gottes entdecken können ist das vertraute Gespräch, das „gegenseitigen Ermutigen und Trösten der Brüder“ – wie es in der alten Bekenntnisschrift genannt wurde; für mich schlicht: „Freundschaft“. Es sind nur wenige Menschen, denen ich meine innersten Sorgen, Zweifel, Ängste mitteile. Aber ich weiß, wenn es diese drei, vier Leute nicht geben würde, dann würde ich heute nicht hier sitzen und von Gottes Schönheit erzählen.

Aber diese wenigen Freundschaften strahlen aus – in die Gemeinden und Kirchen hinein, in denen wir zuhause sind. Auch hier gibt es Menschen, die mir nahe sind und mit denen ich in einer besonderen Freundschaft, in einer geistlichen Nähe verbunden bin. Und ich glaube, dass es für die Zukunft unserer Gemeinden und Konfessionen entscheidend wird, ob es uns gelingt in Freundschaft zusammenzuleben. Natürlich sagt man sich in einer echten Freundschaft die Meinung, bringt das auf den Tisch, was einen am anderen stört, was man einfach nicht versteht. Aber eine Freundschaft lebt davon, dass man sich auf einander freut, dass man sich schätzt und dass man weiß, worin der Freund, die Freundin einen selbst bereichern kann. Diese Freundschaft brauchen wir in den Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken. Denn so kann deutlich werden, dass wir uns alle an der Schönheit Gottes freuen dürfen.  

Musik: J. Loussier, a.a.O., Italian Concert, Presto, Track 10

Autor: Es verabschiedet sich von Ihnen Eberhard Helling, evangelischer Pfarrer aus Lübbecke. 

Musik: J. Loussier, a.a.O., Italian Concert, Presto, Track 10,


*M. Wartburger, Martin Luthers Leben, in Max Baumgärtel (Hg.), Die Wartburg. Ein Denkmal deutscher Geschichte und Kunst, Berlin 1907, S. 517; zit. nach: Volker Leppin, Der Blick auf die Reformation, in: Günter Frank, Albert Käuflein (Hg.), Ökumene heute, Feiburg, 2010, S. 89
**zitiert nach: Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Bd. III, Heiko A. Obermann u.a. (Hg.), Die Kirche im Zeitalter der Reformation, Neukirchen 1981, S. 18
***zitiert nach: Volker Leppin, Martin Luther, Darmstadt 2006, S. 76
****zitiert nach: Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für Rheinland und Westfalen, Gütersloh 1996, S.1378
*****zitiert nach: www.theology.de/downloads/1537schmalkaldischeartikel.doc, S. 13 (heruntergeladen am 27.8.2010)

Audiobeitrag Sola Gratia– oder: von der Schönheit Gottes im evangelischen Glauben


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