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Bildung
Simon, der Sohn meiner Nachbarin, hatte vor ein paar Wochen seinen ersten Schultag. Lachend erzählte mir seine Mutter, dass er schon an diesem ersten Tag
keine Lust hatte, seine Hausaufgaben zu machen.
Ich sah ihr an, dass ihr eigentlich nicht zum Lachen zumute war und ahnte, dass in dieser Situation sofort der ganze Film vor ihrem inneren Auge ablief: Jeder Tag mit Hausaufgaben wird ein Kampf werden, er wird nie seine Aufgaben machen wollen, er wird nicht gerne lernen, er wird keine guten Noten haben was soll aus dem Jungen bloß aus ihm werden?! Die Parade von Leistungsdruck und Zukunftsängsten war durch Simons Kinderzimmer marschiert und das, bevor er auch nur seine erste Hofpause erlebt hatte.
Ich verstehe die Ängste und Sorgen aller Eltern um die schulische und berufliche Zukunft ihrer Kinder gut. Es tut mir Leid, wie groß dieser Druck geworden ist so groß, dass ihn schon Grundschulkinder spüren und Angst vor Versagen bekommen, wenn sie ihm Diktat Fehler machen oder wenn sie eben nicht so gut Kopfrechnen können.
Alle paar Monate gibt es für unsere Politikerinnen und Experten Anlass, die Notwendigkeit guter Bildung zu betonen als Mittel zur Integration, als Weg, um Deutschland im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu halten und als Waffe gegen Armut und Perspektivlosigkeit aller Art. Was mich daran stört, ist dass Bildung damit Mittel zum Zweck wird. Und dieser Zweck ist orientiert an der PISA-Studie, an den Finanzmärkten oder am Bruttosozialprodukt. Wenn Bildung immer streng zielgerichtet und zweckmäßig sein soll, ist es verständlich, dass nicht erst Teenager, sondern schon Erstklässler fragen: Wofür brauche ich das denn? Wofür brauche ich denn Mathe, wenn ich doch Fußballer werde? Wofür soll ich denn Aufsätze schreiben, wenn ich doch Programmiererin werden will?
Heute am Reformationstag möchte ich daran erinnern, dass die Reformation in Deutschland auch eine Bildungsbewegung gewesen ist: Das Volk sollte lesen lernen, um die Bibel selbst lesen und verstehen zu können. Deswegen haben sich die Reformatoren bei den Fürsten und den Stadträten für die Errichtung von Schulen und für die Schulpflicht eingesetzt allen voran Luthers Mitarbeiter und Freund Philipp Melanchthon, dessen 500. Geburtstag wir dieses Jahr feiern.
Die Bibel selbst lesen zu können, hat damals wie heute keinen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt verschafft, es hat etwas neues geschaffen, eine innere Freiheit. Wer die Bibel und andere Bücher lesen kann, wer sich bildet, weil es die eigene Neugier befriedigt und den eigenen Neigungen entspricht, gewinnt Zugang zu Kraftquellen außerhalb von Kapital und Konsum. Diese Bildung ist nicht zweckorientiert und damit potentiell revolutionär. Wer selbst liest, der denkt auch selbst. Und wer denkt, gewinnt die geistige Freiheit, verantwortlich zu entscheiden und zu handeln. Diese Art von zweckfreier Bildung und innerer Freiheit wünsche ich mir für uns und für unsere Kinder. Und setze mich dafür persönlich immer wieder ein auch heute - am Reformationstag.
Bildung
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