Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.10.10, Vizepräses Petra Bosse-Huber

Ein Mensch ist ein Mensch

Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Wohnheime für Menschen mit Behinderungen gehören zu den Orten, die viele Leute konsequent meiden.

Wer nicht unbedingt muss, der geht da nicht hin. Denn an diesen Orten werden gerade gesunde Menschen in jungen oder mittleren Jahren mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert. Eine der größten Ängste der Menschen unserer Zeit ist, nicht mehr funktionieren zu können – das heißt, nicht mehr arbeiten zu können, die finanzielle Unabhängigkeit zu verlieren und damit kein so genanntes nützliches Mitglied der Gesellschaft mehr zu sein.

Wir hoffen einfach, dass es uns nicht trifft. Es trifft andere: Die Nachbarin aus der fünften Etage, sie hat einen Schlaganfall gehabt, und das mit 45! Der Vater eines Freundes muss nach einer schweren Krebserkrankung frühzeitig in den Ruhestand. Die Kollegin erhält die Nachricht, dass ihr Kind mit schweren Behinderungen zur Welt kommen wird. Wir fragen, wie gehen Menschen damit um, dass ihr Leben plötzlich ganz anders verläuft, als sie selbst es geplant hatten? Und wie gehen wir mit ihnen als Gesellschaft um?

Die Antwort hängt ganz davon ab, wie die Grundfrage dahinter beantwortet wird: Wann ist ein Mensch ein Mensch? In den aktuellen Diskussionen um die Manifestierung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in der medizinischen Versorgung, um die Festlegung von Hartz-IV-Regelsätzen für Kinder oder um den drohenden Pflegenotstand geht es im Kern immer auch darum, wem welcher Wert und welche Würde zugeschrieben wird. Wenn wir nicht klar und fest auf die Frage antworten können, wann ein Mensch ein Mensch ist, mit der ganzen Würde und allen Rechten, dann wird es in unserer Gesellschaft immer schwieriger zu argumentieren, warum eine Familie sich für ein Kind mit Behinderung entscheidet, warum eine 90-jährige in einer Pflegeeinrichtung liebevoll gefüttert und gewindelt wird oder warum ein chronisch kranker Hartz-IV-Empfänger ein Recht auf Krankenversicherung hat.

Im Christentum findet die Frage nach dem Menschen eine zweifache Antwort: Zum einen ist der Mensch von Gott geschaffen zu seinem Ebenbild. Das heißt: In jeder und in jedem von uns ist Gott zu sehen und zu spüren, und zwar nicht nur in den Jungen und Schönen und Gesunden. Zum anderen zeigt sich Gott gerade auch in der Zerbrochenheit und im Leiden Jesu am Kreuz. Zum Menschsein gehört eben beides: die Verbundenheit mit Gottes Herrlichkeit, aber auch die Zerbrechlichkeit und die Endlichkeit.

Diese theologischen Aussagen sind von höchster ethischer Brisanz, denn nur mit einem solch klar definierten Menschenbild ist es möglich, an dem gesellschaftlichen Leitbild der allgemeinen Menschenwürde und der Solidarität festzuhalten – auch gegen die allgegenwärtigen Sparzwänge und die Verlockungen des Sozialdarwinismus. Konkret heißt das: Auch der schwer kranke, Kosten verursachende Mensch muss liebevoll gepflegt und begleitet werden. - denn: Wir sind und bleiben Gottes geliebte Geschöpfe – bis zum letzten Atemzug.

 

Audiobeitrag Ein Mensch ist ein Mensch


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