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Ein Freiherr setzt Wegmarken
Kartonierter Einband. Schwarz. Meine Bibel Übersetzung nach Martin Luther. 1965 gedruckt. Mitgenommen sieht sie aus.
Sie hat den Konfirmandenunterricht und auch etliche Jahre im Kindergottesdiensthelferkreis so hieß das damals überstanden. Sie wurde oft aufgeschlagen, hat so manchen Knuff aushalten müssen, sogar den Sturz vom Gepäckträger meines Fahrrads.
Heute teile ich mein Zuhause mit mehr als 80 Bibeln. Guten Morgen, liebe Hörerin und Hörer. Ich bin Doris Damke. Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld. Und ich bin die Bibeldezernentin unserer Landeskirche. In der feiern wir in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum. Wir erinnern uns daran, dass vor dreihundert Jahren die erste preiswerte Bibel hergestellt wurde. Wort Gottes für alles Volk also und nicht nur für die Betuchten und Gebildeten. Von der ersten Bibelgesellschaft der Welt vertrieben für ein paar Groschen. Fast zweihundert Jahre nachdem Martin Luther durch die Reformation allen Menschen die Bibel in ihrer Muttersprache zugänglich machen wollte, wurde das nun umgesetzt. Gewiss, die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg hat schon damals geholfen, das Wort Gottes zu erschließen. Aber eine Volksbibel entstand damit noch nicht. Sie war noch zu teuer für die meisten.
Die zündende Idee dazu wurde in Halle an der Saale geboren.
Dort hatte August Hermann Francke, ein frommer und tatkräftiger Pastor, nicht nur eine Stiftung für Waisenkinder und Bedürftige errichtet. Er pflegte auch viele Kontakte zu gleichgesinnten Menschen. So auch zu Philipp Jacob Spener. Propst zu St. Nicolai in Berlin und ein Pietist im besten Sinne. Also ein gläubiger Mensch, dem nichts wichtiger war als dass die Menschen das Wort Gottes kennen lernen, dass sie daraus Lebensweisung und Sterbenstrost schöpfen und ihr ganzes Dasein mit dem verbinden, der Heiland und Tröster, Retter und Messias ist. Ihn lernte später Carl Hildebrand Freiherr von Canstein bei der Beerdigung seiner Mutter kennen. Von Canstein kam 1667 als Sohn einer honorigen westfälischen Familie in der Mark Brandenburg zur Welt. Stand doch sein Vater im Dienst des Großen Kurfürsten. Mit 25 Jahren nahm Carl Hildebrand an dem flandrischen Heerzug teil. Er erkrankte an der roten Ruhr, einer todbringenden Krankheit. Das brachte für ihn eine Lebenswende mit sich. Sollte er davon genesen, so wolle er sein Leben lang Gott dienen. So gelobte von Canstein. Philipp Jacob Spener, der für ihn zu einem geistlichen Vater geworden war, erschloss ihm, wie das aussehen könnte. Dann hat von Canstein vor dreihundert Jahren etwas auf den Weg gebracht, von dem wir noch heute profitieren.
Musik 1
Carl Hildebrand Freiherr von Canstein war kein Theologe. Er war Jurist. Durch seine besondere Beziehung zu Spener kommt er auch in Kontakt zu August Hermann Francke, der in Halle an der Saale mit evangelischem Geist eine große diakonische Einrichtung einrichtete. Und Francke verfolgt er eine bahnbrechende Idee. Bisher musste jede Seite der Bibel einzeln mit Bleibuchstaben, den so genannten Lettern, gesetzt und gedruckt werden. Danach wurden alle Lettern wieder auseinander genommen, um in einer neuen Seite wieder verwendet werden zu können. Würde hingegen jede Seite würde mit einzelnen Lettern gesetzt, ohne anschließend wieder zerstört zu werden, dann könnten ja etliche zehntausend Seiten davon gedruckt werden ohne Schwund. Die Herstellung wäre um ein Tausendfaches billiger. Die Bibel könnte auch Menschen zugänglich gemacht werden, die sonst kein Buch erwerben könnten. Diese Idee hieß: "Stehender Satz". Von Canstein war dafür Feuer und Flamme. Fortan weiß er sich einer Mission ganz besonders verpflichtet. Der Bibelverbreitung. Und er schrieb seinen:
Sprecher: "Ohmaßgeblichen Vorschlag, wie Gottes Wort den Armen zur Erbauung um einen geringen Preis in die Hände zu bringen sei"
Darin wandte er sich 1710 heute würden wir sagen mit einem Spendenaufruf an begüterte Kreise und hoffte, dass diese seine Idee des mehrfachen Bibeldrucks nach ihren finanziellen Möglichkeiten unterstützten. Seine Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Er musste mit eigenen Finanzen den größten Anteil des erbetenen Geldes aufbringen.
Zum Verdruss der Familie. Aber mit Erfolg. Schon 2 Jahre nach dem "Ohnmaßgeblichen Vorschlag" wurde das Neue Testament mit einer Auflage von 5000 Exemplaren gedruckt. Ein Jahr später folgte die erste Gesamtausgabe der Canstein Bibel.
2 Groschen für das Neue Testament. 6 Groschen für die ganze Bibel. Das war ungefähr der Tagesverdienst eines Arbeiters. Bis 1719 wurden fast 20.000 Bücher unter's Volk gebracht. Handliche Bibeln mit gut lesbarem Schriftbild.
Wie wir wissen, hat kaum eine davon einfach zur Dekoration im Bücherregal gestanden. Sie wurden gelesen, bedacht, ihre Worte wurden aufgenommen und umgesetzt. Sie dienten als Lebensweisung und Sterbenstrost, als Hoffnungsperspektive und ethische Handlungsleitlinie.
Von Canstein gründete also einen innovativen Verlag. Er schuf ein effektives Sammelwerk, das auf einem qualitätsgesicherten Produkt basierte, denn immerhin hatte er mehrere verschiedene Lutherübersetzungen miteinander abgeglichen.
Hundert Jahre später hatten die Von Cansteiner rund drei Millionen Bibeln und Bibelteile in den deutschen Ländern vertrieben. Es wurde eine beachtliche Erfolgsgeschichte. Das konnte nur gelingen, weil jemand überzeugend hinter der Sache stand. Denn nur so einer begeistert ja auch andere für sein Anliegen und macht sie auch gegenüber Kritikern glaubwürdig.
Musik Heute ist sie in den meisten evangelischen Haushalten noch zu finden. Selten so sagen die Umfragen wird sie allerdings zur Hand genommen. Noch weniger wird sie gelesen. Die Bibel. Manche haben sie geerbt. Ein Teil der Familienchronik ist in ihr nachzulesen. Wann wurde der Urgroßvater konfirmiert, wann haben die eigenen Eltern mit welchem Trauspruch geheiratet? Welches Bibelwort wurde mir bei meiner Taufe mitgegeben? Die Familienbibel ist ein Schatz. Nicht nur für den eigenen Stammbaum. Andere haben bei ihrer Hochzeit als Geschenk eine Bibel erhalten. Manche haben sie noch vom Konfirmandenunterricht. Es ist halt eine Bibel. Hoch ist die Hemmschwelle, sie einfach zum Altpapier zu geben, selbst wenn man nicht mehr hineinschaut. Bei uns bekommen Menschen, die wieder in die Kirche eintreten, auf ihren Wunsch hin eine Bibel als Willkommensgeschenk. "Schön, dass Du wieder da bist!" heißt dann die Botschaft. Sie wird selten so gesagt. Ist aber immer mitgemeint, wenn eine Bibel von Hand zu Hand geht. Ist sie doch Gottes Wort, das hineinsprechen kann in den Alltag. Es kann trösten, wenn Schlimmes geschieht. Große Freude in Gottes Lob verwandeln. Mut machen, wenn das Herz verzagt ist. "Fürchte dich nicht!" steht ganz oft in der Bibel. So oft, dass es für einen jeden Tag des Jahres neu gehört, vor allem gelesen werden kann.
Apropos lesen. Wir können heute lesen und wir können uns auch eine Bibel kaufen. Es gibt mittlerweile sogar eine, die nicht mehr kostet als eine Tasse Kaffee. 1 Euro 50.
Das war vor dreihundert Jahren ganz anders. Die evangelische Reformation hatte den Anstoß dazu gegeben, dass immer mehr Leute Lesen und Schreiben lernten, Bildung erfuhren. Sie hatte die Bibel in der deutschen Muttersprache zugänglich gemacht. Aber wer konnte sich die schon leisten?
Heute ist die ganze Bibel in 459 Sprachen übersetzt, Teile von ihr in über 2500 Sprachen. Wenn es auf der Erde 6900 Sprachen gibt, dann können also mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung Gottes Wort in ihrer Muttersprache lesen. Und zu einem erschwinglichen Preis auch erwerben. Dank Von Canstein. Die Bibelverbreitung ist also auf einem guten Weg. Und das andere Herzensanliegen des Freiherrn? Bibelverbreitung ist ja nichts ohne Bibelmission. Das Buch der Bücher erschwinglich zu den Menschen zu bringen ist das Eine. Sie zum Lesen darin anzuregen und ihren Schatz für das eigene Leben zu entdecken, ist eine weitere Aufgabe.
Das wusste auch vor dreihundert Jahren schon der Freiherr. Er leitete seinen Ohnmaßgeblichen Vorschlag von 1710, mit dem er Förderer für die Verbreitung der Bibel gewinnen wollte, so ein:
Sprecher: Eine der vortrefflichsten Ermahnungen des Geistes Gottes in den Briefen von Paulus wird gelesen Kolosser 3, Vers 16: Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit.
Mit diesem biblischen Wort wird uns ein häuslicher Mitbewohner anbefohlen. Das ist ja nicht immer unproblematisch. Wer möchte schon jemanden bei sich aufnehmen, den er gar nicht kennt? ,Wort Christi' heißt er. Und der Ruf, der ihm vorauseilt, ist nicht gerade vertrauenserweckend. Man weiß, dieser Mitbewohner wird kein stummer Hausgenosse sein. Er will sich einmischen und gehört sein. Er redet dazwischen, wenn es um das Leben und Handeln seiner Hausgenossen geht. Natürlich wissen wir auch, dass er sich positiv auf andere Menschen einstellt. Man sagt von ihm, dass er sich um jeden und um jede kümmert und für sie auch das richtige Wort findet. Aber ob es auch gelingt? Jedenfalls kann man von ihm lernen, auch selbst die richtigen Worte für andere zu finden. Gerade für solche, für die es manchmal schwer fällt. Denn der neue Mitbewohner, das Wort Christi, hat Worte der Verzeihung, barmherzige und barmherzig machende Worte. Dabei sagt dieser Mitbewohner auch, was ihm nicht an den anderen gefällt. Er will eben ein täglicher Hausgenosse sein. Also keiner, der nach dem sonntäglichen Brunch wieder verschwindet. Erschwerend kommt dazu, dass er eigentlich auch nicht viel mitbringt. Auf Materielles können wir bei ihm nicht hoffen. Reich werden wir durch ihn nur, indem wir ihn ausnutzen. Diesen Gast und Mitbewohner dürfen wir ausbeuten. Jeden Tag wieder. Denn von ihm geht eine unversiegbare und reich machende Kraft aus, wenn der Mensch sich und sein Leben von ihm erleuchten lässt.
Es gibt keine Existenzverfassung, keine Lebenskrise, keine Tiefenschicht, die nicht in der Bibel vorgezeichnet und exemplarisch vor Gott gestellt ist. Die Bibel ist das Buch der Bücher und darin zugleich das Buch des vergänglichen und des unvergänglichen Lebens.
Vermutlich haben Sie dieses Buch schon in Ihrem Zuhause. Wenn nicht, ist es leicht und preiswert zu erwerben. Dank von Canstein bis heute. Schauen Sie doch einmal rein. Sie werden darin Lebensworte Worte des Lebens und zum Leben finden.
Der Sonntag bietet eine gute Gelegenheit dazu. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche, vielleicht mit einem neuen Hausgenossen, und verabschiede mich von Ihnen. Ihre Doris Damke.
Ein Freiherr setzt Wegmarken
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