Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.10, Pfarrer Eberhard Helling

Solus Christus

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Jeder Tag in der Woche hat in der Tradition unserer Kirche einen besonderen Charakter.

Jedem Tag sind bestimmte biblische Lesungen zugeordnet und der Freitag erinnert an den Freitag, den Karfreitag. Die  biblischen Lesungen für alle Freitage im Jahr stammen aus der Passionsgeschichte; sie erzählen, dass Jesus am Kreuz gestorben ist – jeden Freitag, das ganze Jahr hindurch. Keine andere biblische Erzählung wird so intensiv berücksichtigt wie die, von den letzten Stunden Jesu auf dieser Erde:  wie Jesus das letzte Mal mit seinen Jüngern zusammen war, wie er mit ihnen aß und ihnen voraussagte, was mit ihm selbst und mit ihnen geschehen würde; wie er für sie betete; wie er schließlich mit ihnen in den Garten Gethsemane ging, dorthin, wo er von einem seiner Jünger verraten wurde, dort wurde Jesus gefangen genommen, dann von jüdischen und römischen Machthabern verhört, von den Römern verurteilt und schließlich auf  die römische Weise hingerichtet, die für Schwerverbrecher vorgesehen war: er wurde gekreuzigt.

An jedem Freitag also ein Abschnitt aus dieser Geschichte. Warum? Weil sich in dieser Geschichte die ganze Not von uns Menschen spiegelt. Die größte Not besteht im Grunde darin, dass wir den Gott, den Jesus uns gezeigt hat eigentlich nicht haben wollen. Wir wollen den gnädigen Gott los sein, der immer Rücksicht nimmt auf die Schwachen, der selbst so schwach und wehrlos daherkommt wie Jesus. Wir Menschen möchten lieber unser eigenes Gesetz durchsetzen, dieses Gesetz leuchtet viel eher ein: das Gesetz des Stärkeren.

Aber Gott, der Vater Jesu Christi unterwandert dieses menschliche Gesetz, die menschliche Überheblichkeit. Er lässt sich auf das Spiel ein; es wird ein blutiges Spiel. Gott selbst wird das Opfer... Jesus, sein Sohn stirbt am Kreuz.

Nur – die Mächtigen dieser Welt, also diejenigen, die Jesus umbringen ließen, die hatten kein Auge für ihn; sie hatten kein Ohr für das, was dieser Angeklagte ihnen zu sagen hatte: dass sein Reich nicht von dieser Welt ist und dass es allen offen steht, die sich voller Vertrauen auf ihn einlassen. Und dass sein himmlischer Vater ihn aufnehmen wird – und alle, die zu ihm gehören.

Die Römer nannten es Gerechtigkeit, was sie machten, aber es war anderes als das Recht des Stärkeren. Aber dieses Recht hat nicht das letzte Wort über seinem Leben gesprochen; das Recht, das letzte Wort über ihn und über uns zu sagen, behält sich Gott vor, der Vater Jesu Christi, unser himmlischer Vater. Darum erzählen wir bis heute seine Geschichten – allein durch seine Person können wir begreifen, was Gott über uns Menschen denkt, was er mit uns vor hat und wie wir mit uns selbst dran sind. Wir können viel erreichen, wir können aber auch viel zerstören – und trotzdem bleiben wir Gottes Kinder, Brüder und Schwestern von Jesus Christus.

Solus Christus – allein Christus, diese Formel stammt von Martin Luther und sie ist im evangelischen Glauben bis heute von zentraler Bedeutung.

Audiobeitrag Solus Christus


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen