Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.10.10, Pfarrer Eberhard Helling

sola gratia

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!Es gibt eine Geschichte in der Bibel, die habe ich schon ganz oft gehört – und jedes Mal rege ich mich über sie auf –

und zugleich weiß ich, diese Geschichte erzählt das Wesentliche, das Wichtigste, was überhaupt erzählt werden kann. Jesus erzählt sie, um zu verdeutlichen, wie Gott ist.

Ein Weinbergbesitzer geht morgens früh auf den Markt und verpflichtet ein paar Arbeiter. Er wird schnell mit ihnen um den Lohn einig: ein Silbergroschen. Das ist für die damaligen Verhältnisse ein fairer Lohn. Damit können die Arbeiter ihre Familien durchbringen – nicht übertrieben, nicht zu wenig – fair.

Nach drei Stunden merkt der Weinbergbesitzer, dass noch mehr Leute gebraucht werden. Wieder geht er auf den Markt und verpflichtet andere. Zu ihnen sagt er: „Ich will euch geben, was recht ist.“ Die Leute lassen es sich gefallen – sie haben ja auch keine andere Chance. Wieder vergehen drei Stunden, wieder wird klar: wir brauchen noch mehr Leute! Wieder geht der Weinbergbesitzer los, um Leute einzustellen. Insgesamt fünfmal, sogar noch eine Stunde vor Arbeitsschluss. Die letzten, die noch auf dem Markt stehen, fragt er herablassend: „Was steht ihr den ganzen Tag so herum?“ Die erschütternde Antwort der Leute: „Es hat uns niemand eingestellt“ – also: wir sind die Übriggebliebenen; wir sind die, die keiner braucht, keiner will. Daraufhin sagt der Weinbergbesitzer nur noch zu ihnen: „Geht auch ihr in meinen Weinberg.“  Eine Stunde später – der Arbeitstag ist um – die Leute sollen ihr Geld haben. Der Weinbergbesitzer sagt zu seinem Verwalter: „Ruf die Leute zusammen, gib jedem den Tagessatz und fang bei den Letzten an.“

Was die für Augen gemacht haben, als sie für eine Stunde Arbeit den ganzen Tagessatz bekommen?! – Und als die an die Reihe kommen, die zwölf Stunden geschafft haben, auch in der Mittagshitze, da meinen die, sie würden mehr bekommen – aber auch sie bekommen einen Silbergroschen – wie vereinbart.

„Das ist unfair!“ – alle reagieren so, wenn sie diese Geschichte hören. Jesus erzählt mit dieser Geschichte allerdings: so ist Gott! Er ist gütig, gnädig zu allen. Bitte, freu dich doch daran! Denn was für eine Chance haben die armen Schlucker sonst? Und wenn du selbst einmal als armer Schlucker dastehst, überflüssig, nicht nachgefragt – nicht wahr, dann freust du dich doch auch, wenn einer freundlich, gnädig zu dir ist, oder?!

Sola gratia - allein aus Gnade; diese Formel stammt von Martin Luther und sie hat bis heute zentrale Bedeutung im Glauben der evangelischen Kirche – allein die Gnade Gottes macht, dass wir vor Gott bestehen können. Nicht unsere Lebensleistung entscheidet darüber, ob wir bei Gott angesehen sind. Gott schaut nicht auf unser Konto, nicht auf unsere Intelligenz. Gott überlegt sich nicht: den kann ich gebrauchen, den nicht! Gott sieht uns anders an. Er sieht uns gnädig an und sagt: ich kann euch alle gebrauchen – ach, was sage ich: ihr könnt mich gebrauchen!

So gnädig ist Gott!

Audiobeitrag sola gratia


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