Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.10, Pfarrerin Kerstin Hanke

Privatssphäre war gestern?

Die Idee der Privatsphäre ist altmodisch und von gestern.* Mit diesem Satz lehnte sich Mark Zuckerberg zu Beginn des Jahres weit aus dem Fenster.

Zuckerberg ist Amerikas jüngster Milliardär und Gründer des  Internetnetzwerkes Facebook. Würde er Facebook noch einmal gründen, dann würde er von Anfang an darauf wert legen, dass private Daten öffentlich wären, meint Zuckerberg  heute. In diesen Tagen läuft der Film das „Soziale Netzwerk“ in den Kinos. Er zeigt die Geschichte seiner kleinen, genialen Idee und ihrem weltweiten Erfolg. 

Heute ist Zuckerberg 26 Jahre alt und hat eine Platform aufgebaut, die weltweit über eine halbe Milliarde Menschen nutzt.  Sie treffen ihre Freunde gerne digital. Tauschen online Nachrichten, Bilder und Filme aus. Hinterlassen Kommentare, erzählen von der geplanten Party oder dem Buch, dass sie gerade lesen und posten auch  mal eben, ob sie frisch verliebt oder frisch getrennt ist. Nennen Wohnort und Geburtsdatum. Sensible Daten, die aufschlussreich sind.

Wenn ich mich  einmal auf so eine Art von Netzwerk eingelassen habe, verabschiede ich mich in der Tat von einem wesentlichen Bereich meiner Privatsphäre. Ich bin eine öffentliche, digitale Person. Welche ausgewählten Personen Zugang zu meinem Profil haben, kann ich allerdings einstellen.

Zuckerberg musste in diesem Jahr viel Kritik einstecken und erhebliche Mängel der Datensicherung beheben lassen. Eine amerikanische Klatsch- und Tratsch Website hetzte ihm sogar ein Wochenende einen Paparazzo auf den Hals. Der ihn auf Schritt und Tritt knipste. Das war dann doch ein bisschen zuviel Aufmerksamkeit für den Facebook Erfinder.

Dabei ist das ja die Kernidee von Facebook: Aufmerksamkeit.  Wir wollen Aufmerksamkeit erregen. Wir wollen wahrgenommen werden.  Nicht in der Masse versinken, sondern unsere Einzigartigkeit und Einmaligkeit unter Beweis stellen. Wir wollen Spuren in der Welt hinterlassen. Dieses schlichte Bedürfnis wird durch Facebook genährt und geschürt. Es reichen dann nicht mehr die vier, fünf wichtigen Menschen, die wir Freunde nennen. Der digitale soziale Wert entscheidet sich in vierstelligen Zahlen.  Tausend  „sogenannte“ Freunde sind unser Publikum. Wir stellen uns zur Schau, genießen es und sind daher verführt mehr über uns preiszugeben als uns lieb sein kann. Nur damit möglichst viele uns  wichtig finden.

Da hilft es (manchmal) sich selbstkritisch an eine Weisheit der Bibel zu erinnern, die altmodisch klingt, aber immer noch aktuell ist: 

„Es ist alles ganz eitel“, sprach der Prediger, „es ist alles ganz eitel.

Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.“ Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Die Gier nach Aufmerksamkeit wird nie gestillt. Wer sein Leben nur in anderen spiegelt, hascht nach dem Wind. Seit Jahrhunderten bringt jede Generation Neues, noch nie Dagewesenes zustande, erreicht technischen Fortschritte.  Doch die  alten Ziele und Zwecke sind stets die gleichen geblieben: Macht und Reichtum, Erfolg und Ruhm, Geld und Lust: Es gibt nichts Neues auf dieser Welt. Was den Sinn des Lebens ausmacht, dafür hat der Prediger Salomo  auch eine Antwort: Essen, trinken und das deine Seele guter Dinge sei bei deinen Mühen. Du bist von Gott so gewollt, wie du bist. Du brauchst dich nicht inszenieren oder verstellen.  Du sollst auch nicht isoliert leben. Teile das Gute mit anderen.  Aber bleib gelassen und nimm dich nicht zu wichtig. Dein Wert ist dir schon geschenkt.

Audiobeitrag Privatssphäre war gestern?


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