Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.10.10, Pfarrer Erhard Ufermann

Ich bin, der ich sein werde

Wenn ich mich morgens früh aus dem Bett quäle, gibt es bestimmte Rituale, die sich jeden Tag wiederholen:

Wie durch unsichtbare Fäden gezogen, führt mein erster Weg zur Espressomaschine. Unbarmherzig setze ich sie unter Druck. Dann ins Bad. Die Details hier erspare ich Ihnen. Sie verlaufen sowieso jeden Morgen gleich. Das Einzige, das mich im morgendlichen Ablauf irritieren kann, ist dann irgendwann der Blick in den Spiegel. Was ich dort manchmal zu sehen kriege, kann mir auch schon mal den Tag verhageln.

Eigentlich dachte ich immer: Ich bin, wie ich bin. Doch je älter ich werde, desto unsicherer werde ich mir. Ich begegne morgens früh im Spiegel nicht unbedingt demjenigen, den ich eigentlich erwarte. In der Regel wasche ich ihn aber trotzdem. Nach einer solch frühen Irritation im Bad müssen mir der Espresso und die Zeitung helfen, den Alltag in Spur zu bringen.

Der Satz: „Ich bin, wie ich bin!“ geht davon aus, dass ich weiß, wer ich bin, und dass ich glaube, so zu bleiben. Von meinem Gegenüber erwartet der Satz in der Regel, dass sie oder er mich so zu akzeptieren hat, wie ich meine zu sein. Die Irritation durch den selbstkritischen Blick in den Spiegel aber verrät mehr: Ich verändere mich. Ich werde nicht nur älter, sondern die Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe, machen auch etwas mit mir – mit meinen Einstellungen, mit meinem Gesicht und mit meiner Haltung. Meine Ansprüche ans Leben haben sich geändert, meine beruflichen Erwartungen, meine persönlichen Träume. Der so stark klingende Satz: „Ich bin, wie ich bin!“ ist oft Ausdruck von Unerfahrenheit oder Ignoranz oder Angst.

Manchmal offenbaren die alten Geschichten in der Bibel tiefere Lebensweisheiten, die einen durch den Alltag bringen können: Als der Schafhirte Moses während seiner Arbeit in einem merkwürdig brennenden Dornbusch Gott begegnet, fordert dieser ihn auf, sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien. Der völlig überforderte Schafhirte, übrigens ein gesuchter Mörder, sagt daraufhin: „Wer bin ich, dass ich so etwas schaffen könnte?“ und: „Wer bist Du, dass Du so etwas forderst?“ Darauf stellt sich Gott vor mit den Worten: „Ich bin, der ich sein werde.“

ER, der allen Grund hätte zu antworten: „Ich bin Gott, Schöpfer und Weltenherrscher. Jetzt mach mal, was ich Dir sage!“ geht mit Moses in Kontakt und wirbt um ihn: „Ich bin kein statischer Gott, kein Fels in der Brandung, ich bin nicht am Ende so, wie am Anfang. Ich brenne für Gerechtigkeit und die Freiheit meines Volkes! Ich bin bei Euch auf dem langen Weg der Befreiung und Selbstfindung, selbst wenn dieser durch tiefe Täler führt. Ich bin, der ich sein werde!“

Eine Weisheit dieser alten Geschichte liegt wohl darin, dass Gott sich zugesteht, dass er sich verändert. Und er traut dies auch dem flüchtigen Mörder Moses zu. Er würde an der Aufgabe wachsen.. Außerdem sei er, Gott, bei ihm. Doch Moses verweigert sich trotzdem mehrfach und nennt nachvollziehbare Gründe, warum er der Falsche für diese große Aufgabe sei. Man würde ihm - gerade ihm - nicht glauben. Außerdem könne er nicht überzeugend reden. „Schick, wen Du willst!“ sagt er zuletzt. 

Daraufhin wird Gott sauer. Richtig sauer. Die Haltung: „Ich bin, wie ich bin!“ will er nicht akzeptieren. Er entbindet Moses nicht von der Aufgabe, schickt ihm aber dann Unterstützung durch seinen sprachgewandten Bruder Aaron. Die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten ist für das Selbstverständnis des Judentums bis heute unverzichtbar wichtig. 

„Man ist und bleibt sich unerreichbar“ schrieb der israelische Schriftsteller Elazar Benyoetz. Selbst ich kann mich verändern. Andere Wege einschlagen – morgens und überhaupt, anderes ausprobieren, Fehler machen und dabei lernen: Ich bin, der ich sein werde.

Audiobeitrag Ich bin, der ich sein werde


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