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Fromm und weltfremd
Sie tragen lange Kleider oder Röcke, das Haar zum Zopf geflochten. Die Schuhe flach, höchstens Blockabsatz. Züchtig soll es sein. Keusch.
Und so sehen sie tatsächlich aus, wie diese Worte klingen: Zeitgemäß ist etwas anderes.
Aber sie wollen ja auch gar nicht in diese Zeit passen. Auch wenn sie Lisa, Lena und Lara heißen wie die anderen, in Deutschland geboren sind, hier zur Schule gehen.
Ihre Eltern kamen vor vielen Jahren aus Kasachstan oder der Ukraine leben hier, was sie dort im Kommunismus nicht durften: ihren christlichen Glauben. Streng nach der Bibel. Gemeinsam mit anderen Aussiedlern in mennonitischen oder baptistischen Gemeinden. Frommen Kreisen, welche die Bibel als wörtlich von Gott gegebene Handlungsanweisung für ihr Leben verstehen.
Sie schätzen die Freiheit, in diesem Land endlich ihren Glauben leben zu dürfen und geraten gleich wieder mit dem Staat in Konflikt. Weil Lisa, Lena und Lara in der Schule nicht am Aufklärungsunterricht teilnehmen, bei Filmvorführungen schnurstracks den Raum verlassen und bei Klassenfahrten nicht mitfahren. Dafür nehmen die Eltern schon mal ein saftiges Bußgeld oder gar eine Gefängnisstrafe in Kauf.
Siehe, lässt Gott seiner verfolgten Gemeinde in der biblischen Offenbarung durch den Seher Johannes sagen, siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.
Fromme russlanddeutsche Eltern lassen sich lieber eine Woche lang wegsperren, als von ihren Glaubensüberzeugungen abzurücken die Tür ihres Glaubens kann ihnen niemand verschließen. Stellt sich die Frage: Ist das für uns gefährlich? Führt die antiaufklärerische und sexualfeindliche Moral der Beter aus dem Osten zu einer unser staatsbürgerliches Miteinander gefährdenden Parallelgesellschaft?
Nun ohne dass ich die Glaubenslehren der Baptisten oder Mennoniten teile mir liegt ein wortwörtliches Bibelverständnis ebenso so fern wie die daraus abgeleitete Leugnung der Evolution und die vorsintflutliche Sexualmoral ich bin der Meinung: Unsere pluralistische Gesellschaft sollte den Frommen ihre Nische zugestehen! Und Gesetzeshüter ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer Verständnis und Fingerspitzengefühl zeigen. Zweifellos schwerwiegende Verstöße gegen die staatliche und schulische Ordnung müssen geahndet werden. So dürfen Glaubensgründe kein Kind von der Schulpflicht entbinden.
Aber es gibt Situationen, da kann und sollte man durchaus mal ein Auge zudrücken. Und die Betroffenen nicht gleich vor den Kadi zerren. Sowie geschehen zum Beispiel in Salzkotten, wo eine Mutter 15 Tage Erzwingungshaft bekam weil ihre zwei Kinder nicht am Besuch des Theaterstückes Mein Körper gehört mir teilgenommen hatten. Ich finde: Offenheit, Toleranz, vielleicht auch ein Stück Herzensweite sind wesentliche Kennzeichen unserer christlich abendländischen Kultur. Russlanddeutsche Baptisten sind keine religiösen Fanatiker. Sie sind, was ihre Kleider zeigen: Fromm und weltfremd.
Fromm und weltfremd
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