Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.10.10, Pfarrer Jens Burgschweiger

Irischer Nachbar

Fehlt einem in Deutschland etwas, beispielsweise ein Stück Butter, und es ist schon nach Ladenschluss, kann man, wenn man Glück hat und nette Nachbarn, sich etwas borgen.

Man klingelt, wird durch den Türspion in der Haustür zunächst einer Gesichtskontrolle unterzogen oder kann andernfalls über eine Sprechanlage seine Identität glaubhaft machen. Hat man diese Prüfung erfolgreich bestanden, vernimmt man von drinnen ein dreifaches „Klacken“, die Tür öffnet sich, aber nur einen Spalt breit, grad so, wie es die Sicherheitskette zulässt.

„Einen Moment bitte“ - die Tür geht wieder zu, es ruckelt und klackt wieder, der Sicherheitsverschluss wird geöffnet, schließlich und endlich ist die Tür  auf, alle Barrieren überwunden, du trägst dein Anliegen vor, bleibst auf der Schwelle stehn und hältst - wohl nach einer gefühlten halben Stunde - dankbar das Stück Butter in den Händen.   

Fehlt einem in Irland ein Stück Butter, geht man einfach zum Nachbarn rüber in die Küche und holt sich eins. Haustür und Küchentür stehen sowieso immer offen – ob der Nachbar da ist oder nicht.

Umgekehrt kann es natürlich vorkommen, dass der Nachbar sich in deiner Küche bedient – an den Wurstvorräten zum Beispiel. Oder du kommst nach Hause und dein Nachbar sitzt bei dir in der Küche und trinkt deinen Whisky. Klar, dass er dich einlädt, einen mitzutrinken.

Nun, ich erzähle dass nicht, um Kulturkritik zu üben. Oder vielleicht doch auch. Ich erzähle das als Gleichnis, so wie Jesus Gleichnisse erzählt hat – als Gleichnis des Himmelreichs.

Die offene Tür ist die Tür zu Gott, zum Himmel, zum Paradies - „siehe“, sagt Gott, „ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen.“

Die Himmelstür steht offen wie die Tür zum irischen Nachbarhaus – entgegen der Bemühungen mancher Kirchenleute und Theologen, diese zu verriegeln, mit allerlei Vorschriften und Einlassbedingungen zu versehen, steht sie offen, jederzeit – auch jener Petrus, der an der Himmelstür steht zur Identitätskontrolle, ist bloß ein Witz.

Der Himmel steht dir offen – aber, mag man einwenden, kann dann nicht jeder tun und lassen, was er will, wenn man sowieso in den Himmel kommt? Ist das nicht zu billig?

Nun, richtest du in der Küche des irischen Nachbarn etwa Schaden an?
Nur Weil du freien Zugang hast? Gerade weil die Tür offen steht, verhältst du dich, wie man es von dir erwartet.

Der Himmel steht dir offen, weil Gott an dich glaubt und dir vertraut – wie ein irischer Nachbar.

Audiobeitrag Irischer Nachbar


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