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Ostalgie
Petra fährt immer noch ihren penatenblauen Trabi. Stev wählt Linkspartei. Und Annett aus Dresden, die in Köln Anette hieße, geht zur Jugendweihe.
20 Jahre Deutsche Einheit.
Blühende Landschaften hatte Helmut Kohl damals versprochen. Was heute blüht, ist immerhin jenes wundersame Pflänzchen aus Sentimentalität und Vergangenheitsverklärung, für das die deutsche Sprache das Wort Ostalgie erfunden hat.
Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen, sagt dazu das Bibelwort des Monats. Treffend und provozierend zugleich.
Die aufgeschlossene Tür nun es bedarf nicht viel Fantasie, um dazu den Mauerfall und das geöffnete Brandenburger Tor zu assoziieren. Und man muss nicht mal ein frommes Gemüt besitzen, um das nicht nur als menschliches Verdienst zu verbuchen. Wer das Wunder der historischen Tage und Stunden damals überblickt, wird darin auch ein Stück Gnade entdecken: Also, da hat der liebe Gott die Friedensgebete in der Nikolaikirche und anderswo erhört.
Die offene Tür zwischen Ost und West. Und niemand kann sie zuschließen. Wirklich Niemand? Der Trabi - kein Politikum also, sondern ein Andenken, eine Art biografischer Zinnteller wie bei anderen der Mofa-Führerschein, das Bonanza-Rad oder die Bay-City-Rollers-Kassette. Ostalgie zum ersten.
Lassen wir den arbeitslosen Stev - ohne e - einmal beiseite, der - weil sein Nachbar auf die Malediven fliegt und er nicht mal das Geld hat für ein Wochenende Malle jetzt Linkspartei wählt - nach dem Motto: Wenn, dann soll's auch allen gleich dreckig gehen.??.. . Ostalgie zum zweiten.
Lassen wir also Stev und nehmen wir noch Annett aus Dresden, die in Köln Anette hieße: Sie, sagt sie, gehe zur Jugendweihe, weil sie aus dem Osten kommt. Dabei hat sie als 14jährige die DDR doch gar nicht mehr erlebt. Gehst du zum Konfirmandenunterricht? Nein, ich gehe zur Jugendweihe, weil ich aus dem Osten komme. Sie sagt nicht: Weil ich nicht an Gott glaube, oder weil ich mit Kirche nichts anfangen kann, oder sonst wie freigeistig bin - da könnte man ja noch weiter reden und diskutieren. Sie sagt: Ich gehe zur Jugendweihe, weil ich aus dem Osten komme. Schluss. Aus. Ende der Durchsage. Das ist gelebte Ost-Identität. Jugendweihe-Sozialisation. Genetisches Zonenerbe. Ostalgie zum dritten.
20 Jahre Deutsche Einheit.
Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen.
Wer theologische Geschichtsdeutungen mag, also einen Sinn dafür hat, dass Geschichte mehr ist als menschliche Möglichkeit, der nehme dieses Wort heute als feierlichen Toast auf die deutsche Einheit aber mehr noch als kräftige Zusage: Ein Wort, das die Maßstäbe gerade rückt. Das Tor zur Einheit unseres Landes ist offen und bleibt offen das ist die Zusage, und beileibe ein Grund zur Freude und Dankbarkeit. Gerade heute, wo politischer Feiertag und christliches Erntefest sozusagen zusammenfallen. Wir ein politisches Erntedankfest sozusagen feiern. Menschlich-allzu Menschliches vermag daran nichts zu ändern. Lassen wir also Petra ihren Trabbi, Stev seine Linkspartei und Anett ihre Jugendweihe. Die Offenheit der Geschichte ist größer als alle Ostalgie.
Ostalgie
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