Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.10.10, Pfarrer Hans-Dieter Osenberg

"Geschichte ist kein Verhängnis" - Zum Tag der deutschen Einheit

"Tag der deutschen Einheit" heißt dieser Sonntag in den Kalendern. Die wiedergewonnene Einheit, nach über 40 Jahren der Trennung zwischen West und Ost,

war 1989 ein Glücksfall der deutschen Geschichte. Trotzdem: Mit diesem Feiertag tun wir uns noch schwer. Das hängt wohl auch damit zusammen, daß Deutsche, nach dem tiefen Fall 1945, überhaupt ein gebrochenes Verhältnis zu Nation und Vaterland haben.

Gehen wir der Sache heute Morgen doch einmal ein wenig auf den Grund. Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer. Ich bin Hans Dieter Osenberg und lebe als Pfarrer im Ruhestand in Saar¬brücken. Musikalisch begleiten uns durch die Sendung "Deutsche Tänze" von Franz Schubert, gespielt von Babette Hierholzer.

1. MUSIK:  Franz Schubert, "Deutscher Tanz" Nr.2

Ich habe noch zu denen gehört, die im nationalsozialistischen Reich das Lied "Heilig Vaterland" von Rudolf Alexander Schroeder inbrünstig auf vielen Feiern mitgesungen haben. Und unter diesem Lied sind meine nur wenig älteren Mitschüler und beinahe auch ich selbst als Soldat in einen verbrecherischen Krieg gezogen. "Bei den Sternen steht, was wir schwören, / der die Sterne lenkt, wird uns hören. / Eh' der Fremde dir deine Krone raubt, / Deutschland, fallen wir, Haupt bei Haupt." Die schreckliche zweite Strophe dieses Liedes, das wie ein Choral gesungen wurde.

In der Bibel ist nur dreimal vom Vaterland die Rede. Und wie ein Choral klingt es nirgendwo. Im ersten Fall wird Abraham von Gott aufgefordert, sein Vaterland zu verlassen. Er tauscht es mit einem Land ein, in dem er Eindringling und Fremder ist. Gott mutet uns also zu, gegebenenfalls ganz woanders neue Zelte aufzuschlagen. Als das Wort zum zweiten Mal erwähnt wird, ist es Jesus, dem man in seiner Heimat die "Rote Karte" zeigt: "Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterland." Nicht immer lieben jene ihr Land, die es in seinem Status quo bestätigen. Oft sind es vielmehr diejenigen, die Schwächen aufdecken und Illusionen zerstören. Von den Glaubenden schließlich heißt es im Hebräerbrief, daß sie auf dieser Erde Gäste und Fremde bleiben, weil ihr eigentliches Vaterland bei Gott ist.

Ins Glaubensbekenntnis gehört das Vaterland also nicht. Es ist der deutschen evangelischen Kirche vor allem des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts anzulasten, daß sie das Vaterland unbedingt darin verankern wollte. Wahr ist aber: Von den bedeutenden Völkern zur Zeit Jesu existiert keines mehr - außer den Juden. Vaterländer wurden getrennt und geteilt. Durch Kriege, Zufälle, Niederlagen. In der Schweiz und in Skandinavien, in Polen und bei den Afrikanern. "Von der Maas bis an die Memel, / von der Etsch bis an den Belt" - solcherart Strophen wie die erste der früheren deutschen Nationalhymne, haben immer eine kurze Verfallszeit.

Wer nicht mehr für die Ewigkeit zu sorgen hat, weil Gott dafür bereits gesorgt hat, der muß seinem Land keine religiöse Rolle mehr zuweisen. Er muß von seiner Geschichte und seinen Schönheiten nicht mehr weihevoll sprechen. Ist man ein Deutscher, eine Deutsche, dann kann man sich am Riesengebirge und an der masurischen Seenplatte freuen, auch wenn das nun jenseits der deutschen Grenzen liegt. Man wird die Literatur, die Sprache und Musik seines Landes lieben, seine Geistesgrößen schätzen. Aber man wird sich auch schämen, daß die Orte Bergen-Belsen, Dachau oder Buchenwald einen dunklen Schatten auf das Land werfen.

2. MUSIK:  Franz Schubert, "Deutscher Tanz" Nr.7  

Der Fall war tief im Frühjahr 1945. Nur wenige konnten sich damals freisprechen von ihrer Schuld daran. Und besonders verhängnisvoll war, daß die Menschen jenseits der Elbe 40 Jahre lang eine weitere Diktatur zu ertragen hatten, sie teilweise aber auch aktiv mit aufbauten. Viele Wunden, vor allem durch das Bespitzeln engster Freunde und Verwandten, sind noch lange nicht verheilt. Die verschiedenen Lebensläufe der Menschen diesseits und jenseits der früheren Mauer sind im politischen Tagesgeschäft auch heute noch ständig Anlaß für Konflikte.

In dieser Situation ist es hilfreich, sich an die deportierten Israeliten in Babylon im 6. Jahrhundert vor Christus zu erin¬nern. Bei denen machte ein altes Sprichwort die Runde: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Will heißen: Die Alten haben uns die Suppe  eingebrockt und wir müssen sie auslöffeln. Man wirft Gott also eine Art Sippenhaft vor: Wir müssen doch nur büßen für die Schuld der Eltern. Dieser Auffassung widerspricht der Prophet Hesekiel entschieden. Er schreibt den Deportierten: "Gott sagt: Was soll diese alte Redensart unter euch? Weg damit! Alle Menschenleben gehören mir, Väter wie Söhne, Mütter wie Töchter. Ich will jeden nur danach beurteilen, wie er sich verhält. Wer Recht und Gerechtigkeit übt, soll leben. Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist!" (Aus Hesekiel 18)

Die Schuld der Vorfahren darf den Nachkommen nicht den Zugang zu Gott versperren und auch nicht den Neuanfang eines friedvollen und gerechten Gemeinwesens behindern. Niemand ist dazu verdammt, durch die Geleise, die in der Vergangenheit gelegt wurden, die alte Richtung einzuschlagen. Großväter und Großmütter, die Adolf Hitler den Weg bereiteten - Väter und Mütter, die drüben im Kommunismus eine Alternative sahen und hüben die Demokratie einübten, aber auch in die Trompete des Kalten Kriegs bliesen - Söhne und Töchter, die sich heute zusammen mit vielen Einwanderern im Haus Europa einrichten müssen - sie sind alle für ihr eigenes Tun und Lassen verantwortlich. Für ihre Schuld und für genutzte oder ungenutzte Chancen. Geschichte ist kein Verhängnis. "So wahr ich lebe", sagt Gott. Das heißt: Er verbürgt sich dafür, mit dem Leben Jesu Christi.

3. MUSIK :  Franz Schubert "Deutscher Tanz" Nr. 6  

Geschichte ist kein Verhängnis. Verfehlungen der Vorfahren sol¬len neue Anfänge nicht blockieren. Die einen müssen aufhören, die alte DDR zu verklären, andere dürfen sich mit ihrer längeren demokratischen Erfahrung nicht aufs hohe Roß setzen. Gefordert sind neue Herzen und neuer Geist. Der besteht nach Hesekiel vor allem darin: Armen geben, was sie zum Leben brauchen, niemanden finanziell übers Ohr hauen, Erpressungen beenden und gerechte Verhältnisse herstellen. Das mutet fast wie eine Wunschliste für die deutsche Politik heute an.

Sicher, was sich Deutsche zu Schulden kommen ließen, muß benannt, wenn nötig bestraft werden: Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen in einem Überwachungsstaat, Spitzeldienste, Wirtschaftskriminalität. Wer sich hier schuldig bekennen muß, zögere nicht länger damit. Nur dann können andere auch vergeben.

Aber keine Schuld der Vergangenheit darf uns lahmen für die Aufgaben der Gegenwart. Nachdem die Weltkriegsgeneration weitgehend gestorben ist, darf nun, was in der Stasi-Akten-Behörde gespeichert ist, nicht auf ewig unser Zusammenleben vergiften und uns daran hindern, in unserem Land für sozialen Frieden zu sorgen. Für eine Politik, die gut ist für das gesamte Volk, nicht nur für die Interessen Einzelner. Für ein ausreichendes Einkommen auch der Schwächsten und nicht nur für Subventionen an jene, die eine starke Lobby haben.

Evangelische Gedanken zum Tag der Einheit waren das. Abschließend Sätze, die Sie als Ihr Gebet betrachten oder ihm einfach nur zuhören können. Es verabschiedet sich schon jetzt Pfarrer
Hans-Dieter Osenberg aus Saarbrücken.

Sprecherin:
Gott Israels,
Vater Jesu Christi,

über die wiedergewonnene Einheit sind wir froh,
deine Großmut beschämt uns.

Hilf uns, deine Gabe nicht zu verspielen,
durch Hochmut oder Kleinmut,
durch Rache oder Neid.

Vielmehr helfe uns dein guter Geist,
Schuld zu bekennen,
einander zu verzeihen,
miteinander zu teilen.

Die ein politisches Amt haben,
bewahre davor,
sich in ihre Macht zu verlieben,
sondern sie zu nutzen zum Wohl der Menschen,
der Deutschen und der Einwanderer,
zum Ausgleich von Reichtum und Armut,
zur Solidarität der Arbeitenden
mit den Arbeitslosen.
Erhalte diesem Land
Freiheit, Recht und Frieden.

Für die Kirchen in unserem Volk bitten wir.
Daß sie sich nicht selbst genügen,
sondern sich kümmern
um Verzagte, Zweifelnde, Schuldige,
um Mißachtete, Einsame, Kranke.

Du Gott aller Menschen und Völker,
wir bitten dich um eine glückliche Zukunft
der Menschheit auf dieser Erde.


4. MUSIK:  Franz Schubert, "Deutscher Tanz" Nr. 5  
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Musiknachweis

CD Franz Schubert. Babette Hierholzer Piano
Sonate B-Dur  Allegretto c-moll  Zwölf Deutsche Tänze

Marus-Schallplatten
Joachim-Friedrich-Straße 55
10711 Berlin
Nr. 909560   LC 9822

Daraus:  Zwölf Deutsche Tänze op.posth.171 D 790
Take 6, 7, 12, 11, 17

Audiobeitrag "Geschichte ist kein Verhängnis" - Zum Tag der deutschen Einheit


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