Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.10.10, Pfarrerin Claudia Kiehn

Immer wieder sonntags

Immer wieder sonntags.... Morgen ist es endlich wieder so weit. Ich hatte eine anstrengende Woche, heute will ich noch einkaufen und etwas putzen; und morgen habe ich frei.

Für mich ist es unglaublich, dass es Zeiten gegeben hat, in denen die Menschen ganz selbstverständlich einfach so durchgearbeitet haben. Tag für Tag, Woche für Woche! Schon während ich mir das vorstelle, werde ich unendlich müde.

Wie gut, dass heute in fast allen Kulturen der Welt der siebente Tag der Woche als Feiertag begangen wird. Als solcher wird er von Arbeit frei gehalten. Im Islam ist es der Freitag. Für die Juden ist es der Sabbat, also der Samstag. Und bei uns Christinnen und Christen ist es der Sonntag!

Dass wir uns heute an diesem freien Tag erfreuen können, war ein Geschenk Israels an die Mensch-heit. Ganz am Anfang der Bibel wird uns berichtet: Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen. Am siebten Tage hat er geruht. Und so gehört es auch zum Bund Gottes mit seinem Volk Israel, dass sie den siebten Tag der Woche in dieser besonderen Weise begehen sollten. So heißt das vierte Gebot:

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun (...) Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. (Ex 20,8-10).

Ein arbeitsfreier Tag in der Woche – das war revolutionär. Die Begeisterung der Umwelt Israel darüber hielt sich aber in Grenzen. So verspottete zum Beispiel der römische Philosoph Seneca die Juden, "da sie etwa den siebten Teil ihres Lebens mit Nichtstun verlieren". Wie gut, dass Seneca sich mit dieser Meinung nicht durchsetzten konnte.

Aber auch wenn der freie Tag in der Woche sehr verbreitet ist; nicht allen Menschen wird er zu-gestanden. Dabei ist er in gewisser Hinsicht sogar ein Menschenrecht. Denn in Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948 heißt es: Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.

Zugegeben, wenn man mich bisher gefragt hat, was mir zur Allgemeinen Erklärung der Menschen-rechte der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1948 einfällt, hätte ich so etwas geantwortet wie: Alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten – ohne Ansehen von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe und Religion. Mir wäre das Recht auf Arbeit eingefallen und dass kein Mensch gefoltert werden oder in Sklaverei gehalten werden darf. Dass aber das Recht auf Freizeit und Erholung ein von den Vereinten Nationen erklärtes Menschenrecht ist, das habe ich bis vor kurzem nicht gewusst.

Sehr oft ignoriere ich das Menschenrecht der Freizeit und der Erholung und nehme das Gottes Ge-schenk des freien Tages in der Woche nicht an. Und dass nicht etwa, weil mein Beruf mich immer dazu zwingen würde – so wie Polizisten, Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, Hotelangestellte und viele Menschen in anderen Berufen, die oft gar keine Wahl haben und am Sonntag arbeiten müssen. Ich könnte den Sonntag oft frei von Arbeit halten, aber dann ist doch wieder irgendetwas aus der vor-hergehenden Woche liegengeblieben und wartet nun dringend darauf erledigt zu werden. Irgendwie findet sich ja doch immer etwas zu tun.

Darum muss ich mich schon bewusst dafür entscheiden einmal nichts zu tun – das Menschenrecht auf Freizeit und Erholung wahrzunehmen und das Geschenk Gottes anzunehmen. So wie morgen!

Audiobeitrag Immer wieder sonntags


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