Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.10.10, Pfarrerin Claudia Kiehn

Trösten

Mit dem Trösten ist das ja so eine Sache. Wenn kleine Kinder hinfallen und sich die Knie aufschlagen, ist es noch relativ einfach.

Meist werfen sich die kleinen Menschen in unsere Arme, weinend, schluchzend, aufgebracht... Sie drücken sich ganz fest an uns. Sie wollen dann gehalten werden. Die Wunden sollen wir begutachten,  zur Schmerzlinderung muss viel gepustet werden und ein wenig Salbe tut auch gut. Ehe wir uns versehen, befreien sich die Kleinen aus unserer Umarmung, weil irgendetwas Neues ihr Interesse geweckt hat. Die Schmerzen und der Schreck sind schnell vergessen. Hingefallene Kinder zu trösten ist in der Regel nicht schwer!

Ganz anders sieht es dann aus, wenn aus den Kindern langsam Erwachsene werden. Der erste Liebeskummer ist immer schrecklich. Wir erinnern uns alle daran. Die Vierzehnjährigen sind untröstlich. Sie sind sicher, dass sie sich niemals, niemals wieder werden verlieben können. Nie wieder werden sie solch eine tolle Freundin, solch einen wunderbaren Freund haben können wie den jetzt eben Verflossenen. Niemals. Wir Erwachsenen müssen darüber lächeln. Wenn wir klug sind, tun wir dies nur innerlich. Denn wir wissen es besser. Das Ende der ersten großen Liebe ist längst nicht das Ende des Lebens. Wir alle haben erlebt, dass das Leben weitergeht, in der Regel sogar sehr gut. Wir wissen, dass die erste Liebe nicht die letzte in unserem Leben ist. Dass es vielleicht sogar vieler Liebesbeziehungen, bedarf bis wir den oder die Richtige gefunden haben. Das allerdings in dieser Situation als Trost zu sagen, wäre fatal – es wäre den jungen Menschen kein Trost. Sie haben mehr von uns, es ist tröstlicher für sie, wenn wir verständnisvoll schweigen. Wenn wir ihren Schmerz so ernst nehmen, als würden wir nicht über die eben beschriebene Lebenserfahrung verfügen.
Junge Erwachsene zu trösten ist in der Regel schon viel, viel schwerer!

Je älter wir werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir manche Verletzungen und schwere Verluste hinnehmen müssen. Und dann wird das mit dem Trösten wirklich schwierig. Mit unbedachten Sätzen wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder „Nach Regen folgt auch wieder Sonnenschein“ ist wirklich keinem geholfen. Wer um einen geliebten Menschen trauert, will nicht vertröstet werden. Wer an einer unheilbaren Krankheit erkrankt ist, will nicht mit Gute-Laune-Sprüchen bedacht werden. Wer gerade das Scheitern seine Ehe verkraften muss, will nichts hören von den schönen Seiten des Lebens.

Wer solche oder ähnliche Dinge in seinem Leben erdulden muss, der braucht keine Vertröstung auf bessere Zeiten und eine goldene Zukunft. Stattdessen braucht er: Jemanden, der bei ihm bleibt in der Gegenwart. Der mit ihm ausharrt in der Tiefe des Leids. Er braucht einen Menschen, der bei ihm bleibt in der Angst, in der Ohnmacht. Einen Menschen, der die Sprachlosigkeit über das erlittene Leid mit ihm teilt. Einen Menschen, der schweigen kann und damit ganz nah bei dem Leidenden bleibt.

Wer aber Trost spenden möchte, der muss erst einmal zuhören. Der wird versuchen ganz genau zu verstehen, woran der andere leidet. Im Alten Testament der Bibel gibt es kaum einen Menschen, der so leiden musste wie Hiob. Er kennt sich aus mit dem Schmerz und bittet seine Freunde: „Hört, hört doch auf mein Wort, das wäre mir schon Trost von euch.“ (Hiob 21,2)

Wer trösten will, der hört ganz genau zu. Er verurteilt den Trauernden nicht, und er weiß auch nichts besser als er und gibt erst recht keine guten Ratschläge. Er stellt sich ganz an die Seite des Leidenden und leidet so mit ihm. So schwer das auch manchmal ist!

Audiobeitrag Trösten


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