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Zucherwatte im Alter
Ich liebe diese Postkarte: In ihrem Mittelpunkt ist eine alte Dame zu sehen. Dass sie weiße Haare hat, kann ich nur vermuten, denn sie trägt einen Hut.
Ihr Mantel wirkt ein wenig abgetragen sie ist in einem Park unterwegs. Sie geht zwischen alten Bäumen. Für mich gemessenen Schrittes. In der rechten Hand hat sie einen Gehstock, auf den sie sich stützt. Die Jahre sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Das alles wäre noch nicht so besonders. Das Besondere dieser Postkarte findet sich in der linken Hand der alten Frau: eine Portion Zuckerwatte. Die alte Dame isst Zuckerwatte, während sie etwas krumm und spürbar angestrengt durch den Park spazieren geht.
Trotz ihres Alters und ihrer Gebrechlichkeit, wirkt diese Frau ausgesprochen lebendig auf mich, lebensfroh. Sie erscheint mir nicht festgelegt auf das, was sie immer schon gemacht hat in ihrem Leben. Stattdessen ist sie offen für Neues, mag auch im Alter noch etwas wagen und etwas ausprobieren.
Ich weiß, noch kann nicht mitreden ich bin noch nicht einmal Mitte Vierzig. Aber manchmal beschäftigt mich heute schon die Frage, wie es sein wird, wenn ich alt bin. Immer wenn ich diese Postkarte sehe, ist sie mir eine Erinnerung daran, dass ich mit meinem Leben nicht vorzeitig abschließen möchte. Durch einen Park gehen und Zuckerwatte essen - das ist auch mein persönlicher Traum vom Altsein.
Aber ich frage mich: Wird mir das möglich sein? Zuckerwatte naschen und dankbar auf mein bis-heriges Leben zurückblicken? Werden mich dann nicht eine Reihe von abschätzigen Blicken treffen, die fragen, ob sich das wohl gehört?
Leider blickt die christliche Tradition auch auf eine Fülle von lebensfeindlichen Regeln zurück, die kaum Platz lassen, Lebensfreude ungewöhnlich auszudrücken. Dabei spricht die Bibel doch immer wieder davon, dass unser Leben ein wunderbares Geschenk Got-tes ist, das wir gestalten und auch genießen dürfen. So wie im Buch Prediger:
So habe ich nun gesehen, dass es gut und fein sei, wenn man isst und trinkt und guten Mutes ist bei allem Mühen, das einer sich macht unter der Sonne in der kurzen Zeit seines Lebens, die ihm Gott gibt, denn das ist sein Teil. (Pred 5,17)
Es ist gut und fein, zu Essen und zu Trinken, guten Mutes zu sein wunderbar. Aber der Bibelvers verschweigt auch nicht, dass unser menschliches Leben immer auch mit Mühen verbunden ist und unseren Möglichkeiten Grenzen gesetzt werden. Je älter wir werden, desto deutlicher wird dies. Der Zahn der Zeit nagt an unserem Körper. Wir müssen lernen mit Begrenzungen und Einschränkungen zu leben mit einer Krankheit, mit dem Schmerz über Verlorenes, mit einer Schwäche.
Manche Begrenzungen werden uns von außen auferlegt. Wir müssen sie akzeptieren. Andere Begrenzungen sind selbstgemacht. Trotzdem quälen uns manche davon, als seien wir ihnen ohne Chance auf Änderung ausgeliefert. Gott macht uns Mut, über unseren eigenen Schatten zu springen, damit Lebensfreude spürbar und sichtbar werden kann:
Altsein mit Zuckerwatte in der Hand zu merken, dass das Gehen nicht mehr so leicht fällt; es trotz-dem denen zu zeigen, die meinen, man würde zum alten Eisen gehören. Altsein mit Zuckerwatte Diese Zukunftsvorstellung ist einerseits geprägt von dem Wissen, das mir mein Körper, je älter ich werde, nach und nach immer mehr Grenzen setzen wird; andererseits aber auch von dem Willen, meiner Umgebung und mir selbst bewusst zu machen, dass Gott mir dieses Leben geschenkt hat mit einer Fülle von Möglichkeiten. Und diese Fülle der Möglichkeiten lässt sich natürlich nicht nur mit Zuckerwatte leben! Und natürlich auch nicht erst im Alter!!!
Zucherwatte im Alter
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