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Liste der Dankbarkeiten
Gestern wurde in den evangelischen und katholischen Kirchen das Erntedankfest gefeiert meist mit üppig geschmückten Altären.
Vorweg: Ich lege großen Wert auf meine Unabhängigkeit. Darauf in möglichst wenig Dingen angewiesen zu sein, auf Hilfe. Ich möchte möglichst viel alleine können und wissen. Ich vermute, dass ich damit heute Morgen nicht ganz allein bin?! Vielen von Ihnen wird es ähnlich gehen.
Das Erntedankfest aber erinnert Sie und mich daran, dass das mit der Unabhängigkeit eine ziemlich wackelige Sache ist. Denn all das Gemüse und Obst, das gestern viele Kirchen geschmückt hat, pflanzen wir in der Regel nicht mehr selbst an. Stattdessen sind wir sind in hohem Maße abhängig von denen, die das für uns tun. Und trotz allen Fortschritts in Wissen-schaft und Technik, trotz aller Tüchtigkeit in der industriellen Produktion bleiben wir mit ganz elementaren Lebenszusammenhängen von Gott, dem Schöpfer des Lebens, abhängig.
Vielleicht braucht man eine Portion Mut, um sich selber einzugestehen: Das, was ich erreicht habe in diesem Jahr, das Gute in der Arbeit, das Glück in der Familie, meine körperliche Fitness: Das alles habe ich nicht nur mir selbst, zu verdanken. Ich kann nicht alles selber "machen"! Sondern: Ich habe Gottes Hilfe und seinen Segen dazu gebraucht. Und nicht nur das: Es braucht auch Menschen in meinem Leben, die mich mit ihren Beziehungen be-schenken. Liebe und Geborgenheit kann ich mir nicht selber geben. Ich brauche meine Mitmenschen. - Das zu sich selbst zu sagen, die eigenen Grenzen einzugestehen, dazu braucht man Mut!
Erntedank. Dankbarkeit nicht immer eine leichte Sache: Der Schweizer Dichter Max Frisch beschreibt in seinem Tagebuch aus dem Jahre 1969, wie er eines Tages einen Menschen auf der Straße trifft, dem er sehr viel verdankte. Der Mann aber geht weiter ohne, dass Max Frisch ihm seine tiefe Dankbarkeit erweisen konnte, denn dieser tat, als habe er ihn nicht ge-sehen. Max Frisch war traurig darüber. Dieses Erlebnis aber bringt ihn auf die Idee, eine lange Liste der Dankbarkeiten zu notieren. Die Liste ist lang geworden und enthält ganz verschiedene Einträge: Für die Mutter ist er dankbar, für Gesundheit und Kinder, für seine Be-gegnungen mit Suhrkamp und Brecht, für den Partner, für Freundschaft mit Kollegen und Nachbarn, aber auch dafür, dass der Ehrgeiz nachlässt, dass er nicht nach Stalingrad befohlen wurde und für die Spannung zwischen Mundart und Schriftsprache.
Wie wäre es denn, wenn auch wir einmal im Jahr solch eine Liste der Dankbarkeiten zusammenstellen würden? Aufschreiben würden, wem wir dankbar sind: den Eltern, den Kindern, Freunden und Kollegen, Nachbarn. Und wofür wir dankbar sind: für Glück, Erfolg und Gesundheit.
Gott nimmt unseren Dank gerne entgegen. Denn er hat gerne gegeben. Sehr gerne gegeben. Sogar seinen eigenen Sohn für uns, damit wir alles, alles geschenkt bekommen. Früher, ganz früher, gab es heidnische Erntedankfeste, in denen den Gottheiten geopfert wurde zur Besänftigung der Götter. Zur Bestechung. Um die Götter milde zu stimmen für das kommende Jahr. Die Menschen damals gaben, um zu bekommen. Für uns Christen ist es genau umgekehrt. Wir geben, weil wir bekommen haben. Weil für uns schon alles gegeben ist. Weil es zwischen Gott und uns schon lange keine offenen Rechnungen mehr gibt. Also, Knoten ins Taschentuch machen. Lasst uns Gottes Geschenke dankbar annehmen und sie mit anderen teilen
Liste der Dankbarkeiten
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