Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.10.10, Maike Siebold

Freundschaft

Ein Freund von mir hat sich eine Gruft gekauft. Für sein Alter - 45 - und seine gute körperliche Verfassung ungewöhnlich.

Noch ungewöhnlicher ist allerdings, mit wem er gemeinsam die Familiengruft in Berlin erwarb: Es sind die Mitglieder seiner ehemaligen Wohngemeinschaft. Sie pflegen nun gemeinsam die Grabstätte bis der Erste aus ihrem Kreis sie braucht.

Ihr Motiv war die größere Nähe zu ihren Freunden als zu ihrer Familie und die größere Verbundenheit zu Berlin als zu Ihren Geburtsorten.

Freundschaften werden immer wichtiger. In einer aktuellen Studie der Stiftung für Zukunftsfragen gaben 92 Prozent der Befragten an, dass enge Freunde unverzichtbar sind. Damit sind erstmals freundschaftliche Beziehungen vielen Menschen wichtiger als familiäre - nur 85 Prozent hielten die Familie für ebenso relevant.

Diese Zahlen sind Ausdruck für eine Veränderung die uns alle betrifft: Immer mehr Menschen werden heute alleine alt, Ehen haben ihr Haltbarkeitsdaten verändert, althergebrachte Familienstrukturen brechen auf. Familie und Heimat werden nach der Schule zurückgelassen, um sich woanders beruflich und privat zu verwirklichen. Damit werden Freunde zu einer Art "Wahlfamilie“. An die Stelle von Blutsverwandten rücken die Seelenverwandten.

Und weil die Freundschaft so einen hohen Wert besitzt und uns gut tut, versuchen wir möglichst viele Beziehungen freundschaftlich zu gestalten. Wir wollen unserem Partner, unseren Kindern und Kollegen Freunde sein, denn Freundschaft ist gleichbedeutend mit Geborgenheit, Beständigkeit und Anerkennung.

Freundschaftliche Bande machen uns widerstandsfähiger und weniger anfällig für Ängste und Depressionen. Freunde sind ein Ort zum Atemholen in dem alltäglichen Kampf um Anerkennung. Sie sind eine wirkungsvolle Allianz gegen die anstrengende Welt draußen.

Wer ein einfühlsames Ohr hat, um sich den Frust und die Sorgen von der Seele reden zu können, profitiert in allen Lebensbereichen davon. Manchmal reicht Gelächter oder gemeinsamer Genuss, Probleme abzufedern. „Ein zuverlässiger Freund ist wie ein sicherer Zufluchtsort. Wer einen solchen Freund gefunden hat, der hat einen Schatz gefunden.", heißt es in Jesus Sirach (6,14).

Ich halte Freunde für ein Gottesgeschenk. Aber eine Freundschaft fällt nicht vom Himmel. Gott mag im Himmel wohnen, aber auf der Erde hat er seine Werkstatt. Wenn Freundschaften zunehmend die familiären Beziehungen ersetzen, ist es umso wichtiger, diese zu pflegen. Einem guten Freund oder einer lieben Freundin mit einem überraschenden Geschenk, einer Mail oder z.B. einer Einladung unsere Wertschätzung und Dankbarkeit zu zeigen, tut allen Beteiligten gut.

Oder einfach mal einen alten Freund googlen und nach längerer Pause wieder Kontakt aufzunehmen. Gott ist kreativ und hat Freude an der Entstehung neuer vertrauter Beziehungen zwischen uns. Er schuf uns Menschen nicht nur als Mann und Frau, sondern auch als Freunde.

Audiobeitrag Freundschaft


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