Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.10.10, Maike Siebold

Lust auf alt werden

Von wegen Ruhestand. Die Hauptdarsteller in dem Dokumentarfilm „Herbstgold“ wollen davon nichts wissen. Sie sind zwischen 80 und 100 (und) statt in Rollstühlen zu sitzen

oder Rollatoren vor sich herzuschieben, laufen, springen und werfen sie– trainieren bis zum Umfallen, denn sie haben ein ehrgeiziges Ziel. Sie wollen zur Sommerolympiade nach Finnland. Die drei Männer und zwei Frauen, gehen mit ihrem Alter so selbstbewusst um wie mit ihrem Körper. So leidet man mit und lacht mit ihnen und bekommt Lust auf das alt werden und sein. Selten genug, dass wir in den Medien witzige oder ermutigende Bilder sehen, die das Alter nicht als belastend und bedrohend präsentieren.

Das Alter ist eine Erwartung, ein Mythos, eine selbstgebaute Konstruktion. Altern ist ein mentales Spiel. Es kommt darauf an, wie wir uns auf das Altern einstimmen und welche Bilder wir in unserer Umgebung über das Altern sammeln. In der Werbung werden uns in der Regel Klischees präsentiert. Wir sehen ergraute Menschen die mit Vergesslichkeit, schmerzenden Gelenken und Zahnprothesen kämpfen oder Treppenlifte empfehlen. Unsere Krankenkassen erinnern uns an Vorsorgeuntersuchungen. Ansonsten gibt es Seniorenteller, Butterfahrten und überall  orthopädisches Schuhwerk. Da sind wir versucht, das Alter mit Schmerzen, Pflegebedürftigkeit und Einsamkeit zu verbinden und jedem Geburtstag mit Angst entgegenzusehen.

Aber, unsere Einstellung zum Alter ist selbst gemacht. Suchen wir nach anderen, in unseren Augen attraktiven Beispielen. Wo gibt es in unserem Umkreis alte Menschen, die wir für ihre Lebensart bewundern? Goethe schrieb Faust II mit 80 Jahren, Michelangelo vollendete die Sixtinische Kapelle mit 71, die amerikanische Malerin Grandma Moses begann erst mit 75 Jahren zu malen und hatte ihren Durchbruch mit über 80.

Die Jahre, die uns gegeben sind, sind vielleicht bei Gott festgeschrieben, aber nicht in unseren Genen. Diese beeinflussen - nach neusten Erkenntnissen - unsere Lebenserwartung nur zu 25 Prozent. Unsere Denkweisen, Gewohnheiten und Stereotype beeinflussen unseren Körper und damit den Prozess des Alterns mehr als wir es bislang für möglich gehalten haben. Wir können unser Alt sein selbst gestalten und die biologische Uhr zurück drehen. Zum Beispiel, wenn wir Klamotten von früher anziehen und tanzen, natürlich zu unserer Lieblings-Muke aus jungen Jahren. Der Effekt ist verblüffend: Wir fühlen uns jünger, der Körper wird wieder beweglicher und der Verstand, ja sogar die Sehkraft wird schärfer. Wissenschaftliche Studien haben das eindrücklich belegt. Schütteln wir unser Klischee vom Alter ab und entwickeln uns ein neues, ganz persönliches Idealbild.

Die Zeit des Dahinsiechens in der letzten Lebensphase hat sich nicht verlängert. Wir haben nur fast 20 Jahre an vielfältigen, toller Chancen dazugewonnen. Entspannen wir uns also und verlieren nicht die Himmelsperspektive aus den Augen. Die Gerechten tragen noch im Alter Frucht, sind saftvoll und frisch", heißt es in der Bibel (Psalm 92, 15).

Jung ist, wer sich begeistern kann, wer die Ereignisse herausfordert und sich am Spiel des Lebens freut. Wer so älter wird, bleibt ewig jung.

Audiobeitrag Lust auf alt werden


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