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Risse vergolden
Autorin: Immer geht irgendwas zu Bruch. Die Lieblingstasse. Omas alte Kuchenplatte. Das schöne Kölschglas von Onkel Herbert oder Franzis erster Kinderteller aus Porzellan.
Manches wandert kurz betrauert in den Müll. Anderes kleben wir vorsichtig wieder zusammen. Denn sie sind uns wertvoll: die Erinnerungen an einen geliebten Menschen. Man mag das als nostalgische Anwandlung belächeln. Doch es gibt nicht nur nostalgische Risse-Kleberinnen, sondern Künstler, die haben sich dem Sichtbarmachen von Sprüngen und Rissen geradezu verschrieben.
1. O-Ton: Daniel Wenk: Ich finde die Risse schön. (..) Ich muss auch sagen, es sind auch Leute, meistens Fahrradfahrer gekommen, die sagten, sie fänden das schön.
Autorin: sagt der Berliner Künstler Daniel Wenk. Er nennt sich Tapist, von tape, Klebeband. Mit Tesafilm aller Art gestaltet er Kunstwerke. In diesem Sommer klebte er mit einem mehrere Zentimeter breiten, durchsichtigen Tesafilm Risse in einer Berliner Straße zu. Anreiz war das mediale Gewitter um die Winterschäden an den Berliner Straßen.
2. O-Ton Daniel Wenk: Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass die Leute, (
) dann diese Risse erst richtig wahrgenommen haben, (
) dann stehen geblieben sind, sich mit mir dann auch über diese Risse unterhalten haben, manche haben dann Vorschläge gemacht: Ja, aber es gäbe doch bessere Methoden, um das zu machen und so
(lacht)
Autorin: Den Riss betonen. Das tun auch verschiedene Künstlerinnen und Künstler, die sich die japanische Porzellanreparaturtechnik Kintsugi zu Eigen gemacht haben. Hier werden die Risse mit feinstem Pudergold verziert. Seht her, diese Tasse ist mir so viel Wert, dass ich sie reparieren ließ, sagen die goldenen Nähte.
3. O-Ton Daniel Wenk: Risse, das ist so ein bisschen ein Verweis auf Verletzungen, Narben, Wunden, (
) Wenn ich so´n senkrechten Gebäuderiss sehe, dann sag ich: Aha, irgendwie bewegt sich der Untergrund vielleicht drunter, da wurde ´n Tunnel gebaut oder ne U-Bahn, da hat sich das Gebäude gesenkt, also Risse verweisen immer über sich hinaus und belassen einem nicht die Illusion dieser Unveränderlichkeit, die man hat,
Autorin: meint Daniel Wenk. Risse sichtbar machen, von ihnen lernen, dass das Leben Bewegung ist und Veränderung. Risse nicht nur unsichtbar reparieren, sondern vergolden und sie wertschätzen als Teil des gelebten Lebens. Das ist eine Lebenskunst.
4. O-Ton Daniel Wenk: Ich finde es toll, wenn die Dinge sich verändern. Wenn die Dinge veränderlich sind. Man sieht ja auch bei nem Menschen erst, wenn er so´n paar Falten im Gesicht, hat, dass er gelebt hat. Vorher hat er in seine Windeln geschissen, ne, so
. (lacht) und hat eigentlich noch nicht viel erlebt.
Risse vergolden
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