Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.10, Pfarrer Gerd Höft

"Morgenlicht leuchtet" (eg 455)

Musik Nr. 1: (Strophen 1-3)Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang / Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.Dank für die Lieder, Dank für den Morgen,

Dank für das Wort, dem beides entspringt.

Sanft fallen tropfen, sonnendurchleuchtet. / So lag auf erstem Gras erster Tau.
Dank für die Spuren Gottes im Garten, / grünende Frische, vollkommnes Blau.

Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen, / Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht!
Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen! / Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.

Autor: Ich bin mir sicher: nicht wenigen von Ihnen wird dieser Choral aus dem evangelischen Gesangbuch bekannt vorkommen; allerdings in einer englischen Version. Der englische Popmusiker Cat Stevens hat ihn 1971 weltweit bekannt gemacht:

Musik Nr. 3: Morning has broken, like the first morning / Blackbird has spoken, like the first bird / Praise for the singing, praise for the morning / praise for the springing fresh from the word

Autor: Was denn nun? Choral oder Popsong? Irgendwie beides, denn die Melodie macht keinen Unterschied zwischen Kirchen- und Popmusik. Ursprünglich stammt die Melodie aus Schottland. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein Text dazu verfasst und so entstand zunächst ein Weihnachtslied: „Child in the Manger“ - „Kind in der Krippe“.

Sprecherin: Child in the manger, Infant of Mary,
Outcast and stranger, Lord of all,
Child Who inherits all our transgressions,
All our demerits on Him fall.

Sprecher: Kind in der Krippe, Kind der Maria
Verstoßen und ein Fremdling, unser aller Herr.
Kind, das all unsere Verfehlungen mit sich schleppt,
all unsere Fehler fallen auf ihn.
Einst hauste das allerheiligste Kind der Errettung
Sanft und bescheiden ganz unten.
Nun, als unser herrlich mächtiger Heiland,
schau ihn an, siegreich über jeden Feind.

Autor: Rund 100 Jahre später, genauer gesagt 1931, stellte ein englischer Geistlicher eine Art Gesangbuch unter dem Titel „Song of praise“ zusammen. Er bat die anerkannte britische Kinderbuchautorin Eleanor Farjeon einen neuen Text auf die alte gälische Melodie zu schreiben. So entstand ein Dankhymnus auf den Schöpfergott: „Morning has broken“.

Musik 4: Morning has broken, like the first morning / Blackbird has spoken, like the first bird
Praise for the singing, praise for the morning / praise for the springing fresh from the word

Sprecherin:
Der Morgen bricht an / Wie am Anfang der Schöpfung,
Die Amsel hebt an / Wie zum ersten Gesang.
Preiset ihr Singen, / Preiset den Morgen,
Preiset, wie sie geboren / Neu in die Welt.

Süß fällt der Regen / Funkelnd vom Himmel
Wie früher Tau / Morgens aufs Gras.
Preiset das Wunder / Des taufrischen Gartens,
Vollkommen entsprungen / Aus Seiner Spur.

Autor: Romantisierend, ja, vielleicht auch sentimental. Bilder voller Frieden, Harmonie, Glück. Sanft und doch voller Kraft. Der zurückhaltenden, geradezu scheuen Melodie schmiegt sich ein zupackender, geradezu bekenntnishafter Glaubenstext an. Das passt und ist doch widersprüchlich zugleich. Ganz wie die Autorin, die oft als small, shy and quiet beschrieben wird: klein, scheu und zurückhaltend. 12 Jahre lang kümmerte sie sich hingebungsvoll um ihre kranke Mutter. Zeit ihres Lebens war sie vernarrt in zwei verheiratete Männer. Zu einem von ihnen und dessen Frau pflegte sie, wie es so schön heißt: eine „einzigartige Beziehung“. Da denke man, was man wolle. Daneben hatte sie noch eine dreißigjährige Beziehung zu einem Englischlehrer und als der starb zu einem Schauspieler. Und in allem war sie dennoch frei von öffentlichen Skandalen. Klein, scheu, zurückhaltend – aber ganz sicher nicht naiv.

Musik 2: Harfe

Sprecherin:
Mein ist die Sonne, Mein ist der Morgen,
Geboren vom Licht, Das auch Eden erhellt.
Preiset mit Wonne, Preist jeden Morgen
Gottes Erwecken Des neuen Tags.

Autor: Eleanor Farjeons Text zu der alten Volksmelodie ist deshalb nicht die süßlich-klebrige Soße auf einem kitschigen Naturmythus. Denn das Leben, das sie führte, hatte sie verzichten gelehrt, hatte ihr eventuell vorhandene romantische Flausen gründlich ausgetrieben. Wenn sie etwas gelehrt wurde, dann dies: in jedem Morgenlicht, das Gott werden lässt, liegt immer auch aller Anfang, und jeder neue Tag ist immer auch der erste Tag der Schöpfung. Gott lässt jeden Morgen seine Schöpfung wieder auferstehen, unbeschwert, vollkommen. Für diese Gewissheit, jeden Morgen gemeinsam mit der Schöpfung selber auferstehen zu dürfen, geborgen im großen, wunderbaren Schöpfungsplan, versteckt im Singen der Amsel, schwebend in den sanft fallenden Tropfen; für diese Gewissheit, für einen magischen Moment, – dafür singt die Dichterin Gott ein Loblied.

Musik Nr. 1: (Strophe 1): Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang / Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt. / Dank für die Lieder, Dank für den Morgen, / Dank für das Wort, dem beides entspringt.

Autor: Selten passen Melodie, Text und religiöses Gefühl einer empfindsamen Frau so perfekt zusammen wie in diesem Choral. Er zielt auf all unsere Sinne: wir sehen, wir hören, schmecken und riechen, was wir mit dürren theologischen Begriffen wie Schöpfung und Auferstehung belegen. Unscheinbar, scheu und zurückhaltend nimmt uns die Dichterin bei der Hand und führt uns durch einen Schöpfungsmorgen, in dem jeder von uns auch seine ganz persönliche Auferstehung Tag für Tag feiern könnte.

In der Fassung von Cat Stevens hat das kleine Lied von Erschaffung und Auferstehung seit den sechziger Jahren seinen Weg um die Welt gemacht. Der Berliner Theologe Jürgen Henkys hat es Ende der Achtziger ins Deutsche übertragen, und seither steht es im Evangelischen Gesangbuch.

Musik Nr. 1: (Strophe 2): Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet. / So lag auf erstem Gras erster Tau. / Dank für die Spuren Gottes im Garten, / grünende Frische, vollkommnes Blau.

Autor: Ein wundersamer Weg einer zu Gemüte gehenden Volksmelodie. Zwei große religiöse Gefühle konnten an ihr andocken: als Weihnachtslied sang es von der dauerhaften Erinnerung an die Menschwerdung Gottes und als Morgenlied brachte es uns die alltägliche Erschaffung der Welt als ein Vorgeschmack der Auferstehung. Auch unserer eigenen.
Zu sentimental ist das vermutlich dem einen, zu verkitscht dem anderen. Dem dritten fehlt die theologische Tiefe, einem vierten ist der Naturmythus suspekt. Aber egal, seit dieses kleine Lied bekannt ist, finden sich all die in ihm wieder, denen die großen theologischen Begriffe zu groß und die Schwere der Theologie zu schwer sind und die ihren ungebrochenen oder auch angefochtenen Glauben gerne in dieser Melodie und diesem Text bergen möchten und können.

Musik Nr. 1: (Strophe 2 und 3)
Sanft fallen tropfen, sonnendurchleuchtet. / So lag auf erstem Gras erster Tau.
Dank für die Spuren Gottes im Garten, / grünende Frische, vollkommnes Blau.

Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen, / Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht!
Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen! / Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.


Musikinformationen:
1.WDR-Archiv:  Nr. 5081670 103
Komponist/Melodie:  gälisches Volkslied  
Dichter:   Jürgen Henkys
Chor:    Chorgemeinschaft an der Ruhr
Unter der Leitung von: Karl Heinz Mertens

2. CD-Titel:   Morgenstimmung
Track 3:   Morgenlicht leuchtet
Melodie:   gälisches Volkslied
Harfe:    Anne-Sophie Bertrand

3. CD-Titel:   Cat Stevens Greatest Hits
 Track 11   Morning has broken
  LC:    00407

4. CD-Titel:   Angelis
Track 8:   Morning has broken
Text von Dichter:   Eleanor Farjeon
Komponist/Melodie:  gälisches Volkslied

Audiobeitrag "Morgenlicht leuchtet" (eg 455)


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