Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.09.10, Pfarrer Gerd Höft

Träume (Psalm 126)

Ein wenig korrigiert er noch den Hintergrundschatten, und dann schaut Carlos zufrieden auf sein Bild. Carlos heißt eigentlich Karl; aber den Namen hat er nie gemocht.

 Er sitzt lebenslänglich, und für ihn bedeutet das wirklich bis ans Ende seines Lebens; denn er hat noch Sicherheitsverwahrung dazu. Er sitzt schon lange, und er hat bei normaler Lebensdauer noch eine Menge Jahre vor sich. Wie er das nur aushält?

„Ich sitze zu Recht drin“, sagt er - und dann noch: „wenn es besonders schlimm wird, träum‘ ich mich einfach davon.“

Carlos hat das Malen im Knast gelernt und ist wirklich gut geworden. Sein letztes Bild zeigt einen Mann auf dem Boden kauernd. Eingeschlossen von allen Seiten mit Gitterstäben, auch von oben. Die Augen geschlossen. Durch das Deckengitter zwängt sich eine Art Wolke, die sich jenseits der Gitterstäbe erweitert und in sich ein Bild trägt. Eine geradezu kitschig-bunte Blumenwiese. Sie glänzt im Sonnenlicht. Ein paar winzige Schäfchenwolken am azurblauen Himmel.

„Wenn es besonders schlimm wird, träum‘ ich mich einfach davon.“

Man muss nicht im Gefängnis sitzen, um Carlos zu verstehen. Wenn das Leben wieder einmal einen so richtig beutelt, wie segensreich ist dann die Macht der Träume. Es sind magische Momente, wenn es uns gelingt, uns über uns selbst hinweg zu träumen; alles hinter oder unter sich zulassen, was beengt, bedrängt, niederdrückt und klein macht. Dieser magische Augenblick, wenn uns der Traum aus uns selber herausreißt und uns zeigt, was sein könnte und wie es werden würde. Wenn er sich durch die Gefängnisgitter zwängt und uns mitnimmt in das Land der Traumverlorenen.

Sprecherin: Wenn Gott die Gefangenen erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen: Gott hat Großes an ihnen getan. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. (Psalm 126,1f)

Ach ja, liebe Hörerinnen und Hörer: Psalm 126. Eines der schönsten Lieder in der Bibel. Vielleicht ist wirklich nur die Poesie in der Lage, die magischen Momente in unserem Leben einzufangen.

Wenn Gott uns aus unserer Gefangenschaft befreit. Wie wird es dann sein? Wenn er uns einen Weg zeigt, wie wir aus einer Beziehung rauskommen, die uns sonst zugrunde richten wird. Wenn er uns Hinweise gibt, wie wir eine Beziehung retten können, in der doch noch soviel Lebendigkeit steckt. Wenn er uns wieder Wege zu unseren Kindern zeigt, wo wir immer wieder gegen die Gitterstäbe unserer eigenen Urteile stoßen. Wie wird es sein, wenn Gott uns die Träume schickt, verpackt in das blaue Sehnsuchtstuch? Dann werden wir sein wie die Träumenden, die nicht wissen, wohin mit ihrem befreiten Lachen, und nicht mehr aufhören können, den zu rühmen, der die Träume schickt.

Carlos steht an seiner Staffelei. Er hat eine Einzelzelle und ist froh darüber. An den Wänden darf er seine Bilder aufhängen, einige stehen an die Wand gelehnt. Alle erzählen seine Geschichte. Die von einem in sich Gefangenen. Gefangen in seinen Süchten und Trieben, gefangen in seiner Gewaltbereitschaft. Seine Bilder erzählen vom Träumen; erzählen von dem, der er gerne geworden wäre und jetzt im Innern wohl auch geworden ist.

Er träumt in seinen Bildern von einem, dem die Gefangenschaft nichts mehr anhaben kann, der seinen magischen Moment erlebt hat und ihn in seinen Bildern festhält.

„Und wenn es besonders schlimm wird“, sagt Carlos, „dann träum ich mich einfach davon.“

Audiobeitrag Träume (Psalm 126)


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