Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.09.10, Pfarrer Gerd Höft

Kainsmal (1. Mose 4,8-15)

Wenn wir von jemandem sagen: er ist gezeichnet, dann klingt das irgendwie nicht gut. Da ist immer etwas Unheilvolles, Schwieriges, Trauriges, Krankes im Spiel.

Vom Glück wird niemand gezeichnet; wenn dann vom Schicksal. Und wenn es geht, machen wir einen Bogen um solche Leute. Womit wir bei Kain wären und einem wahrhaft magischen Moment in der Menschheitsgeschichte.

Kain hat ja traurige Berühmtheit erlangt. Er war der erste Mörder, von dem die Bibel erzählt. Er schlug seinen Bruder Abel tot (Gen 4,8). Es war ein schlimmer Augenblick und wie alle folgenden so ist auch diese erste Gewalttat völlig überflüssig; denn sie löst nicht eines von Kains Problemen, sie klärt keinen einzigen Tatbestand – im Gegenteil: sie schafft neue, größere Probleme und neue, weit reichende Tatbestände.

Seit Kain und Abel müssten wir alle wissen, Gewalt löst kein einziges Problem, beseitigt keine Konflikte, schafft keine neue Gerechtigkeit. Nein, Gewalt reißt alles und alle mit sich in immer neue Gewalt, immer neue Konflikte, immer neue Ungerechtigkeit. Schauen Sie sich in ihrem Leben um, lesen Sie Zeitung und hören Sie gleich die Nachrichten – und Sie wissen, dass ich nicht lüge.

Gott sieht den Mord und stellt den Mörder und verurteilt ihn. Zu ewiger Flucht. Aber Kain will nicht fliehen. Er fürchtet sich davor, als Mörder erkannt und dann selbst ermordet zu werden. Womit er Recht hat. Und jetzt nähern wir uns dem eigentlich magischen und weltbewegenden Moment: Gott rettet den Mörder. Er berührt den Kain. Kennzeichnet ihn, wie und mit was auch immer. Auf jeden Fall so, dass alle, die ihm begegnen werden, sagen, da kommt ein von Gott Gezeichneter, ein Unberührbarer. Ihn darf niemand wegen seines Mordes töten. Eben war Kain noch ein Mörder, der nach altem Recht selbst die Todesstrafe verdient hatte. Aber jetzt steht er unter Gottes Schutz. Wir dürfen sein Leben nicht nehmen, sagt dieses Kainsmal, obwohl er welches genommen hat. Das ist der magische Moment: Gott verbietet die Blutrache, verbietet die Todesstrafe. Wie das Leben nur von Gott kommt, kann es auch nur von Gott genommen werden. Anfang und Ende eines Lebens stehen nicht und unter keinen Umständen in eines Menschen Hand. Es ist Gottes Eigentum. Wer sich daran vergreift, vergreift sich an Gott. Seither ist sie in der Welt, die Botschaft von der Unverfügbarkeit des Lebens, auch des gezeichneten Lebens. Seither dürfte es in keinem christlichen Land mehr die Todesstrafe geben oder Selbstjustiz. Das ist nicht leicht hinzunehmen.

Unser ganzes Gerechtigkeitsgefühl sträubt sich dagegen. Aber so ist es nun einmal. Seit damals trägt jeder, der sich am Leben versündigt das Kainsmal, ist gezeichnet und steht unter Gottes Schutz. Seither versündigt sich jeder am Leben, der die Menschen mit Kainsmal um ihr gezeichnetes Leben bringt. Man mag es gar nicht glauben, aber dieser Gedanke ist ein wichtiger Schutz für uns alle geworden. Unsere Suche nach Recht und Gerechtigkeit kann ja zu furchtbaren Irrtümern führen. Die Geschichte von Kain und seinem magischen Moment, als er gezeichnet und dadurch gerettet wurde, sagt uns: wer den gesellschaftlichen Konsens stört, den verfolgt, bestraft und weist ihn zurecht. Aber sein Leben tastet nicht an. Damit nicht ihr irgendwann einmal angetastet werdet. Denn vieles ist wiederbringlich, das Leben nicht.

Audiobeitrag Kainsmal (1. Mose 4,8-15)


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen