Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.09.10, Pfarrer Gerd Höft

der Esel (4. Buch Mose, 22-24)

Das mit den Eseln ist ja so eine Geschichte. Oft zu Unrecht werden die Grautiere scheel angesehen. Aber wie im richtigen Leben haben manches Mal die Esel

den richtigen Durchblick. Und wenn das passiert, ereignet sich einer dieser magischen Momente, in denen kommt, was kommen muss, die etwas offenbar machen und nach denen nichts mehr ist wie zuvor.

Nehmen wir beispielsweise die biblische Geschichte des Propheten Bileam und seinem Esel. Es ist eine längere Geschichte mit viel Hin und Her und runde 3000 Jahre alt; kurz gefasst geht sie so: das Volk Israel, gerade in Palästina sesshaft geworden, führt Krieg gegen ein alteingesessenes Volk. Dessen König möchte sich für den Kampf gerne noch eine besondere Hilfe holen. Er schickt nach Bileam, dem anerkannten Propheten. Der versteht sich aufs Verfluchen. Ein verfluchter Gegner ist halt leichter zu besiegen. Aber bei Bileam meldet sich auch der Gott Israels, und der sagt ihm: Israel ist gesegnet, und er soll sich aus der Sache heraushalten. Das sagt Bileam auch den Abgesandten des fremden Königs, der ist überhaupt nicht angetan; schickt weitere Gesandte und das Spiel beginnt von vorne. Doch diesmal lässt Gott Bileam zum König aufbrechen. Der Prophet besteigt also seinen Esel und zieht los.

Halten wir einen Augenblick inne. Wo sind wir in dieser Geschichte. Vielleicht sind wir wie dieser König. Der ist jemand, der sich bedroht fühlt; der sieht, dass möglicherweise andere ihm sein Terrain streitig machen, sich anschicken, an ihm vorbeizuziehen. Ihnen kommt er nicht mehr bei. Seine Mittel sind beschränkt, die der anderen sind besser. So ist es eben. Da können schon einige ungute Gefühle hochkommen: Neid, Hass, Aggression auf die Leute, denen alles so leicht von der Hand geht, auf die Emporkömmlinge, für die Schicksalsschläge ein Fremdwort ist, die Glück haben, die sich aus allem unversehrt herauswinden können. Doch wir stehen geschlagen daneben und unser kleines Glück, für das wir so hart gekämpft haben, auch das zerbröselt uns noch zwischen den Fingern. Wäre ja nicht verkehrt, wenn wir dann einen zur Hand hätten, der wenigstens einen kleinen wirksamen Fluch für diese Leute beisteuern könnte, um ein klein wenig Gerechtigkeit herzustellen. Nun gut. Gott sagt NEIN zu solchen Aktionen. Wir wissen es, und trotzdem geben wir nicht auf. Ein kleiner Fluch, der ein ganz klein wenig vermeintliche Gerechtigkeit bringen könnte.

Bileam, der Fluchmeister, sitzt auf seinem Esel und reitet seinem magischen Moment entgegen. Denn auf einem schmalen Weg, der keine Ausweichmöglichkeiten lässt, bockt der Esel. Er sieht etwas, was der Reiter nicht sieht: einen Engel mit gezücktem Schwert – mitten auf dem Weg. Klar, dass da kein Esel vorbei möchte, es sei denn, er wäre ein Esel. Bileam sieht nichts, merkt nichts – außer dass der Esel bockt. Er prügelt ihn windelweich. Der Esel bockt. Er hat den Durchblick, den Einblick. Gott steht im Weg. Segnen sollst du, nicht fluchen, ist seine Botschaft. Es hilft gar nichts, auf die einzuschlagen, die diese Erkenntnis schon vor dir haben. Und plötzlich können die Esel sprechen. „Warum schlägst du mich?“, fragt das Tier seinen Reiter. „Nur weil ich sehe, was du noch nicht siehst, weil ich weiter bin als du, weil ich verstanden habe, was du noch verstehen musst?“ Und dann öffnet Gott auch Bileam die Augen, und der sieht, was sein Esel schon längst gesehen hat. Plötzlich versteht der Prophet: nicht zum Verfluchen sind wir berufen, sondern zum Segnen.

Das können so magische Momente in unserem Leben sein: wir erkennen plötzlich wofür wir da sind, für wen wir da sind und dass wir alles, was uns auch quer im Weg liegt, segnend und nicht verfluchend beiseite räumen sollen und können. Manchmal brauchen wir zu dieser Einsicht Hilfe, selbst wenn sie von Eseln kommt.

Audiobeitrag der Esel (4. Buch Mose, 22-24)


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