Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.09.10, Pfarrer Martin Vogt

Solidarität und mehr

„Oh, Katze! Runter von meinem Sofa! Da will ich jetzt hin! Na los, mach dich vom Acker!“ Sie denkt überhaupt nicht dran.

Liegt da ganz zufrieden - nicht nur auf dem Sofa sondern auch noch auf meiner Decke. Und schaut mich freundlich an, als wäre es das Normalste von der Welt. Obwohl sie genau weiß, dass ich es nicht mag, wenn sie es sich da gemütlich macht. Schon gar nicht, wenn ich selbst auf dem Sofa liegen will.

„Also runter jetzt! Such dir ein anderes Plätzchen!“

Ein dickköpfiges Tier. Auf meinen Kommandoton reagiert sie gar nicht. Auch dass ich ein bisschen an der Decke ziehe, auf der sie liegt, bringt sie nicht aus der Ruhe. Sie schaut mich nur an und zwinkert mit den Augen, als wollte sie sagen: „Du kannst dich doch woanders hinlegen. Schließlich war ich zuerst hier!“

Das ist mir nun wiederum piepegal. Schließlich bin ich der Stärkere von uns beiden. Also ziehe ich jetzt etwas kräftiger an der Decke und da sieht sie ein, dass sie aufstehen muss.

Geht doch! Jetzt kann ich mich einen Moment ausruhen. Genüsslich breite ich die Decke über mir aus, die die Katze angewärmt hat. Sehr nett von ihr.

Und während ich mir das Kissen unter dem Kopf zurechtrücke, denke ich: „Es hat schon Vorteile, wenn man der Stärkere ist. Ich glaub’, ich könnt mich an diesen Zustand ganz gut gewöhnen. Wäre doch schließlich toll, wenn ich in Auseinandersetzungen immer die Oberhand behalten könnte. Wenn ich immer die größere Kraft hätte, den schnelleren Grips, die besseren Argumente! Was könnte ich dann alles erreichen!“

Ich weiß, solche Fantasien gehören sich nicht für einen Christen. Sie passen auch nicht besonders gut zur Botschaft der Bibel. Da geht es ja vielmehr um Nächstenliebe und Rücksichtnahme, um Miteinander-Teilen und Aufeinander-Achtgeben.

Vor allem aber passen solche Fantasien nicht besonders gut zu meiner Realität. Da erlebe ich es natürlich immer wieder, dass ich mich nicht durchsetzen kann, dass meine Kraft begrenzt ist, dass mir die Argumente ausgehen und ich den Kürzeren ziehe. Insofern bin ich darauf angewiesen, dass Menschen auf mich Rücksicht nehmen, meine Schwächen nicht ausnutzen und nicht ihren Vorteil auf meine Kosten suchen.

Politisch nennt man so was eine Solidargemeinschaft. Die Starken nehmen auf die Schwachen Rücksicht, damit alle Menschen einigermaßen gut leben können. Wenn das funktioniert, haben alle etwas davon. Wenn sich Christen aber um eine solche Gemeinschaft bemühen, dann tun sie es nicht nur aus der Einsicht, dass wir alle manchmal die Rücksicht unserer Mitmenschen brauchen. Sondern da kommt noch etwas hinzu. Und zwar der Glaube. Der Glaube, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt. Dass Gott deshalb will, dass alle Menschen möglichst gut und möglichst gleichberechtigt leben können.

Das ist der Grund, warum wir weder unsere Fantasien noch unseren Vorteil auf Kosten anderer verwirklichen dürfen. Es liegt schlicht und ergreifend an der Liebe. Die Liebe, die Gott uns schenkt. Und die wir im Umgang mit anderen weitergeben sollen. Unabhängig davon, ob wir selbst davon profitieren oder nicht.

Audiobeitrag Solidarität und mehr


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