Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.09.10, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Wahrheit und Toleranz

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer! In den USA wird heftig miteinander gestritten, denn in unmittelbarer Nähe des einstigen World Trade Centers in New York

 soll ein islamisches Gotteshaus, eine Moschee, gebaut werden. Das kommt auch bei vielen Amerikanern, die zu Recht auf ihre in der Verfassung verbriefte Religionsfreiheit stolz sind, nicht gut an. Ist die schier grenzenlose Toleranz in religiösen Fragen doch an ihre Grenze gestoßen? Eine harte Diskussion ist in Gang gekommen. Auf das Ergebnis dieser Diskussion bin ich gespannt. Sie betrifft uns auch, denn wie verhalten sich Glaubensüberzeugung und Toleranz im christlichen Glauben zueinander. Ich heiße Rüdiger Schnurr und bin evangelischer Pfarrer in Hilchenbach im Siegerland.

MUSIK  Spiritual, von Charlie Haden & Pat Metheny, Beyond the Missouri Sky     
         
Auch ich wüsste auf Anhieb nicht zu sagen, ob ich die Pläne für den Bau einer Moschee ausgerechnet an diesem Ort des schlimmsten islamistischen Terrors für eine gute Idee halten soll. Es gibt nachvollziehbare Gründe dagegen und auch gute Gründe dafür. Ich bin nachdenklich geworden.

Was mir und vielen anderen seit Tagen keine Ruhe lässt – ja, was mich entsetzt hat und wütend macht -  ist jener unsägliche, selbsternannte Pastor Terry Jones aus Gainsville in Florida. Was er seit Wochen medienwirksam angekündigt hatte, nämlich  am 11.September, dem Jahrestag des Terroranschlages auf das World-Trade-Center, öffentlich den Koran zu verbrennen, hat er zwar nicht getan. Aber er hat bereits genug Schaden mit seinen Auftritten angerichtet. Denn andere radikale Prediger haben in seinem Schatten nämlich doch Seiten aus dem Koran gerissen oder ihn sogar verbrannt.

Was erdreisten sich solche Leute? Das ist Missbrauch des Namens Jesus Christus. Eine Schande sind sie für die Christenheit. Doch ich bin sicher, sie bekommen dennoch viel Beifall.  In unserem Land haben vor rund 75 Jahren unsere Eltern und Großeltern schlimme Erfahrungen mit denen machen müssen, die Bücher angezündet haben: Erst haben die Nazis bei uns Bücher verbrannt und am Ende verbrannten sie Menschen.

Dazu darf  es nicht noch einmal kommen. Erst recht darf es nicht geschehen, dass sich unter denen, die sich Christen nennen, Menschen finden, die  den Hass auf anders Denkende und anders Glaubende schüren und aufs Neue Lust auf einen Kreuzzug haben. Doch wie bekommen wir den Spagat hin zwischen der Überzeugung, dass der eigene Glaube die Wahrheit kennt und der Notwendigkeit für einen friedlichen Umgang der Religionen miteinander einzutreten?

Was ich dazu anmerken will, sage ich auf Grund der Überzeugung, dass der Glaube an Jesus Christus der richtige Glaube ist. Der christliche Glaube ist nicht eine Wahrheit unter vielen anderen Wahrheiten. Gott hat durch Jesus sein letztes Wort, und das heißt, sein abschließendes, alles klärende, das alle Not wendende Wort für alle Menschen auf der Erde gesprochen.

Wenn nach dem Zeugnis der Evangelisten Gott selbst über Jesus sagt: „Du bist mein lieber Sohn, an Dir habe ich Freude“, oder wenn Gott auf ihn hinweist und sagt: „Das ist mein Sohn, den ich erwählt habe, auf ihn sollt ihr hören.“, dann nehme ich das ernst. Ich erkenne darin, dass in ihm die Wahrheit ist - nicht nur für mich, sondern für alle Menschen.  Diese Wahrheit in Jesus Christus ist  untrennbar verbunden mit der Liebe zu Gott und dem Nächsten - und den Feinden. Jesus hat uns aufgerufen, die Feinde zu segnen und für sie zu beten.

MUSIK  Spiritual, von Charlie Haden & Pat Metheny, Beyond the Missouri Sky  
           
Vielen wird die Überzeugung, dass der Glaube an Jesus Christus alleine der richtige Glaube ist, äußerst fragwürdig sein. Der Vorwurf der Intoleranz mag hier und da lautwerden. Darum klären wir zunächst den Begriff: Was ist Toleranz? Mir gefällt was  der französisch-tunesische Schriftsteller Albert Memmi dazu sagt:

Sprecherin: "Toleranz bedeutet: Zum Gedanken gelangen:»Obwohl ich glaube, Recht zu haben, und dass es die Wahrheit gibt, werde ich sie euch nicht aufzwingen«."

Autor: Wirkliche Toleranz hasst die Beliebigkeit, der alles gleich gültig und damit sehr schnell gleichgültig ist. Wirkliche Toleranz  ist nur glaubwürdig auf der Basis einer eigenen gewissen Überzeugung. Den Maßstab dafür finde ich in der Bibel. Der Gott Israels gibt ihn selbst vor. Er, der selbst in den Zehn Geboten für alle seine Kritiker scheinbar das Paradebeispiel eines intoleranten, machtbesessenen und eifersüchtigen Despoten abliefert, wenn er sagt: Ich bin der Herr, dein Gott... du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Ausgerechnet von ihm darf ich lernen, was wirkliche Toleranz bedeutet. Beim Propheten Hosea, der im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt lebte, teilt Gott uns seine Erfahrung mit seinem Volk Israel mit:

Sprecherin: Als Israel jung war, habe ich es geliebt, und ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Sooft man sie rief, haben sie sich abgewandt von ihnen, den Baalen bringen sie Schlachtopfer dar und den Götterbildern Rauchopfer! Dabei war ich es, der Ephraim das Gehen beigebracht hat – ich habe sie auf den Armen getragen -, sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie geheilt habe. Mit menschlichen Seilen habe ich sie gezogen, mit Stricken der Liebe, und ich war für sie wie jene, die das Kleinkind an ihre Wangen heben, und ich neigte mich ihm zu, ich gab ihm zu essen. (Hosea 11,1-4)

Autor: Gott klagt seine Enttäuschung wie eine Mutter, die alles, was sie an Liebe aufbringen konnte, in ihr Kind investiert hat, und dann mit lauter Enttäuschungen leben muss. Ihre Liebe konnte nicht verhindern, dass das Kind sich einen Dreck darum kümmert und sich  abwendet. Gott war tolerant zu seinem Volk, hat es auf den Armen getragen – tolerare, heißt tragen, ja mehr noch, geduldig ertragen.

Aber seine Geduld war über die Maßen strapaziert. Gottes tolerante Haltung scheint vergebliche Liebesmüh gewesen zu sein. Sein Volk hat seine Liebe und Fürsorge schamlos ausgebeutet. Und so kommt nach der Enttäuschung der Zorn: „Sollen sie doch die Folgen tragen. Sollen sie doch zusehen, wie sie klar kommen.“ 

Sprecherin: „Sie hatten es nicht nötig, wieder nach Ägypten zurückzukehren; aber zur Strafe für ihren Undank werden nun die Assyrer über sie herrschen.  … Mein Volk kehrt nicht um und hält an seiner Auflehnung gegen mich fest. Sie rufen zum Baal, aber der kann ihnen nie und nimmer helfen!“  (Hosea 11,5+7)

Autor: Doch dann passiert etwas Einmaliges, etwas ohne Parallele. Gott gibt uns einen Einblick in sein Innerstes:

Sprecherin: Wie könnte ich dich preisgeben, Ephraim, wie dich aufgeben, Israel? Wie könnte ich dich preisgeben? Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Ephraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns. (Hosea 11,8+9)

MUSIK  Spiritual, von Charlie Haden & Pat Metheny, Beyond the Missouri Sky 
                            
Autor:
So erleben die Menschen der Bibel ihren Gott. Er lässt sich von seinem eigenen Herzen überwinden. Seine anfängliche Liebe hält durch. Sie löscht das Feuer des Zorns,  der zerstört und vernichtet aus. Das ist die Wahrheit, die der Glaube an den Gott Israels und der Glaube an Jesus Christus erkennt. Wer diese Wahrheit glaubt, hat es nicht nötig Feindbilder zu pflegen, er hat es nicht nötig Andersdenkende und Anders glaubende zu verteufeln. Er kann sie segnen, ihnen Gutes tun und für sie bitten. Er vertraut, das die Wahrheit des biblischen Gottes in sich selbst so überzeugend ist, dass sie Menschen auf ihre Seite zieht, auf die Seite der Liebe.

Ich habe nicht den Eindruck, dass das sogenannte Christliche Abendland, von der Kraft des christlichen Glaubens  überzeugt ist, der Menschen alleine durch Argumente und nicht durch Gewalt gewinnt. Man hat aber auch in der Geschichte alles getan, den eigenen Glauben zu diskreditieren: Man hat Zwangstaufen durchgeführt, man hat Kreuzzüge organisiert, Ketzer und Hexen verbrannt, sich an den Machtspielchen der Könige und Fürsten beteiligt, wir kennen die zu Recht erhobenen Vorwürfe.

Das fing schon zu Lebzeiten Jesu an. Seine Jünger wollten ein Dorf in Samarien verfluchen, weil die Bewohner sie nicht über Nacht bei sich aufgenommen hatten. Diese hatten die Gruppe um Jesus  als Fremde und als Menschen mit einem anderen Glauben abgewiesen. Die Jünger waren empört:  Feuer sollte vom Himmel fallen und das Dorf verbrennen. Doch Jesus wies sie zurecht.

Sprecherin: Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Der Menschensohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern zu erhalten.

Autor: Ein anderes Mal musste Jesus seinen Jünger Petrus scharf zurechtweisen. Er sollte ja eine entscheidende Rolle beim Bau der Kirche spielen. An Jesus sollte er sich dabei orientieren. Aber als sein Herr verhaftet werden sollte, da hielt es Petrus nicht mehr zurück, er griff zu seinem Schwert und schlug einem Soldaten das rechte Ohr ab. „Lass ab, Nicht weiter!“ sagt Jesus; und ein letztes Mal in seinem Leben heilt er. Jesus hilft dem, der von seinem Jünger verletzt wurde.

MUSIK  Spiritual, von Charlie Haden & Pat Metheny, Beyond the Missouri Sky 

Autor: Jesus bringt auch das wieder ins Lot, was wir verbogen haben, Jesus heilt die, die durch unsere Worte und Taten verletzt worden sind und liebt die, die wir verachten. Sein Herz ist größer und weiter als unsere Vorurteile. Ich wünsche mir, dass die Christen mehr Vertrauen in die Wahrheit ihres eigenen Glaubens haben. Und zwar so, dass sie der Wahrheit, die Jesus Christus uns gebracht hat, die Kraft zubilligen, für sich selbst eintreten zu können. Das macht sie duldsam, wahrhaft tolerant und gibt ihren Worten und Taten Überzeugungskraft. Sie sollen ja nicht kleinlaut schweigen und klaglos alles hinnehmen, dafür ist die Botschaft Jesu Christi viel zu wichtig für alle Menschen dieser Erde. Die intoleranten Hassprediger, die im Namen Jesu auftreten und Menschen verteufeln, dürfen wir nicht ignorieren, ihnen dürfen wir das Feld nicht überlassen, sie dürfen den Namen von Jesus nicht für ihren Hass auf Andersdenkende und Andersglaubende missbrauchen. Sie sind die wahren Feinde des Glaubens an Jesus.

Es fällt mir schwer sie zu lieben –  genau so schwer, wie die Hassprediger in anderen Religionen. Ich sehe, dass es irregeleitete und verblendete Menschen sind. Ich muss immer wieder neu überlegen, was mir mein Glaube an Jesus, der noch am Kreuz für seine Feinde gebetet hat, auch ihnen gegenüber zu tun aufträgt. Um der Wahrheit in Jesus Christus willen, kann ich ihren Hass und ihre Intoleranz nicht tolerieren. Da endet jede Toleranz. Aber für die Feinde beten, damit sie die Wahrheit Gottes erkennen – das kann nicht falsch sein. So viel Toleranz darf – nein, muss sein.  Einen gesegneten, guten Sonntag wünscht Ihnen Rüdiger Schnurr von der Evangelischen Kirche.

MUSIK  The Precious Jewel, von Charlie Haden & Pat Metheny, Beyond the Missouri Sky 

Text:  Albert Memmi, Exercice du bonheur, wikiquote.org/wiki/Toleranz
Musik: Spiritual und The Precious Jewel, von Charlie Haden & Pat Metheny, von der CD: Beyond the Missouri Sky © 1997 Polydor/PolyGram S.A. France    LC00383 

Audiobeitrag Wahrheit und Toleranz


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