| |
Ich, der Herr, bin bei euch! (Hesekiel 34,30)
Autor: Von Krisen, liebe Hörerinnen und Hörer, ist heute viel die Rede. Wirtschaftskrise. Umweltkrise. Persönlichkeitskrise. Das ist keine neue Erfahrung.
Menschen waren ihnen durch die Jahrtausende immer wieder ausgesetzt. Auch das Gottesvolk Israel vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden. Israel hatte augenscheinlich alles verloren. Das war das Ergebnis des Krieges gegen Babylon: totale Niederlage, ungezählte Tote, verbrannte Erde, Deportation in fremdes Land und Zwangsarbeit. Zur äußeren Niederlage kam die innere Leere. Worauf war noch Verlass? Auch der Gott Israels hatte nicht geholfen. Gottesdienste, Gebete und Lieder hatten die totale Niederlage, ja die fast totale Vernichtung nicht aufgehalten.
In diese Hoffnungslosigkeit hinein spricht der Prophet Hesekiel mit der heutigen Tageslosung:
Sprecherin: Sie sollen erfahren, dass ich, der Herr, ihr Gott, bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk sind, spricht Gott, der Herr. (Hesekiel 34,30)
Autor: Der Augenschein kann trügen, sagt Gott seinem Volk. Lasst Euch nicht irre machen durch den Hohn und den Spott der Sieger. Die Niederlage Israels wurde durch die babylonischen Sieger so gedeutet: Ihr Gott hat sie verlassen. Sie haben nichts und niemanden mehr, der für sie eintreten könnte. Und das bedeutet: sie sind uns mit Haut und Haar ausgeliefert. Dieses Denken der Sieger vollendete ihre militärischen Erfolge. Diese religiöse Demütigung sollte die Niederlage krönen.
Solche Siegerstrategien sind erfolgreich, wenn die Besiegten sie akzeptieren, sie sich zu eigen machen und selber glauben: Wir haben nicht nur verloren, wir sind verloren. Denn wir sind verlassen von unserem Gott.
Dagegen spricht der Gott Israels durch den Mund des Propheten: Ihr seid zwar Besiegte, aber gebt Euch nicht auf als mein Volk. Denn ich gebe Euch nicht auf. Der Hohn und Spott der Sieger ist selbst ein Irrtum. Ihr bleibt mein Volk, und ich bleibe euer Gott. Trotz aller Verluste: Von mir, eurem Gott seid ihr nicht verlassen. Das waren nicht nur fromme Worte. Sie sollen erfahren, dass ich, der Herr, ihr Gott bei ihnen bin (
), so beginnt die göttliche Rede. Sie sollen erfahren und sie haben erfahren. Die Exilszeit war begrenzt, sie kamen zurück in ihr Land. Und Israel konnte viele neue Erfahrungen von der Gegenwart und Zuwendung seines Gottes erleben und bezeugen.
Die vom Hause Israel sind mein Volk, spricht Gott, der Herr. Daran konnte auch eine ganz andere Form der Bestreitung des Bundes Gottes mit seinem Volk Israel nichts ändern. Schon ganz früh in der Geschichte der christlichen Kirche kam die Behauptung auf, Gott habe seinen Bund mit Israel gekündigt und auf die Kirche übertragen. Das hatte blutige Konsequenzen und ist eine Wurzel der Schuldgeschichte unserer Kirche dem Volk Israel gegenüber. Schon der Apostel Paulus schärfte deshalb der Gemeinde in Rom ein: Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat. (Römerbrief 11,2) So der neutestamentliche Lehrtext für heute.
Gott sei Dank ist diese Erkenntnis heute wieder bestimmend für das Verhältnis von Judentum und Christentum. Für Juden- und Christenmenschen ist wichtig: Gott ist auch in unseren Niederlagen bei uns. Seine Nähe und Gegenwart bleiben für uns erfahrbar, auch gegen den Augenschein. Auch wenn es ganz schlimm kommt in den Krisen unseres öffentlichen und privaten Lebens. Erfahren Sie auch heute, liebe Hörerinnen und Hörer: Gott ist bei Ihnen.
Ich, der Herr, bin bei euch! (Hesekiel 34,30)
|