Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.09.10, Pfarrer Joachim Gerhardt

Lebenslehrer

Autor: Es gibt Menschen, die man im Leben nicht vergisst. Es war auf dem Weg nach Südtirol. Meine erste Jugendfreizeit, mein erster Sommerurlaub ohne Eltern.

Ich war gerade 13 Jahre alt, einer der jüngsten. Ein Reisebus voll mit jungen Leuten. Große Aufregung, laute Stimmung. Ich kannte keinen. 49 waren wir. Der Bus hatte 50 Plätze, nur der neben mir: blieb frei. – Nach wenigen Minuten setzte sich ein Betreuer neben mich. Was wir sprachen, weiß ich nicht mehr. Aber es war sehr freundlich und es war sehr persönlich. Ich war nicht mehr allein.

Ich bin noch viele weitere Sommer mit der Kirche wegfahren. Schon im nächsten Jahr saß ich gemeinsam mit neuen Freunden auf der Rückbank. Der wache Blick dieses Menschen in diesem einen Augenblick damals ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Es gibt Menschen, die man im Leben nicht vergisst. „Ich bringe alle durchs Abitur“, hatte der Lehrer gesagt. Die Empörung war groß. Warum? fragten wir uns. Auch die Dummen, die Faulen, die, die nichts tun? Wir fanden das ungerecht. Es ging doch um Weichenstellungen fürs Leben. Und wir wollten für Leistung belohnt werden. Und wer leistet, der vergleicht. Wir sind besser, auch weil andere schlechter sind. Das sollte unsere Welt sehen. – Jahre später habe ich den Lehrer verstanden. Gute Leistung braucht keine Vergleiche. Und einer, den der Lehrer durchs Abi geschoben hat, hat später seinen Doktor gemacht. Gut, dass die Weiche damals nicht anders gestellt wurde.
 
Die beiden Menschen haben mein Leben reicher gemacht. Es sind im Rückspiegel meines Lebens nicht viele, die so in meiner Seele geblieben sind. Ich kann nicht abschätzen, ob die beiden überhaupt wissen, wie nachhaltig sie in meinem Leben Echo gefunden haben. Das mag auch nicht entscheidend sein. Wichtig ist, dass es Menschen gibt, die in unserer Welt Einfluss nehmen und etwas zum Guten verändern. Und das geschieht in der Regel nicht durch große Reden, sondern durch kleine Taten. Und oft vor allem dadurch, dass Menschen eben nicht das tun, was alle denken und was alle tun.

Jesus hat so manche Geschichten erzählt von diesen „Lehrern des Lebens:“ von dem Hirten, der seine ganze Herde zurücklässt, nur um das eine, verlorene Schaf zu suchen. Von dem Vater, der seinem verlorenen Sohn auch nach vielen verlorenen Jahren noch die Tür öffnet. Vom barmherzigen Samariter, der hilft, wo alle anderen aus für sie guten Gründen wegschauen oder achtlos vorübergehen. Jesus hat seine Erzählungen dann mit dem Satz geschlossen: „So geh hin und tu desgleichen“.

Menschlichkeit muss man lernen. Dafür brauchen wir Vorbilder. Menschen, die uns zeigen, wie das geht und was man dafür braucht: Einen wachen Verstand, etwas Einfühlungsvermögen und ein wenig Mut, wo möglich auch mit Ablehnung und Widerspruch zu leben. Menschen brauchen Vorbilder. Auch, um sich am Ende inspirieren zu lassen, selbst so ein Vorbild zu sein.

Ich bin mir sicher: Jeder Mensch hat seine „Lehrer des Lebens“. Auch wenn wir das oft erst mit Abstand begreifen, was sie einem weise mit auf den Lebensweg gegeben haben. Und ich bin mir ebenfalls sicher: Jeder Mensch kann anderen Menschen so ein Lehrer sein. Gehen wir hin und tuen desgleichen.

Audiobeitrag Lebenslehrer


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