Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.09.10, Pfarrer Joachim Gerhardt

Katastrophen

Autor: Welche Katastrophe erwartet uns heute? Ich hoffe keine. Obwohl? Es läge in der Luft. Denn irgendwie habe ich den Eindruck, wir leben in einem Katastrophenjahrhundert.

Gefühlt zumindest. Und mit diesem Eindruck bin ich nicht allein. Der Bonner Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder stellt nicht die Katastrophen an sich in Frage, er hat sich mit dem Phänomen dahinter beschäftigt:

O-Ton: Die meisten Katastrophen, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, die haben die Öffentlichkeit gar nicht erreicht. Aber jetzt im Medien- und Informationszeitalter sind alle Katastrophen sofort auf dem Bildschirm und wir haben den Eindruck, es gibt nichts anderes als Katastrophen.

Autor: Jetzt die schreckliche Jahrhundertflut in Pakistan; ich denke aber auch an die Aschewolke, die Ölpest, Klimagau, Vogelgrippe, Schweinepest. Lang ist die Liste der Katastrophenmeldungen allein der letzten Jahre. Ihre Tragweite kann ich als Laie kaum einschätzen. Aber Gott sei Dank, hat bislang keine dieser Meldungen mich persönlich betroffen. – Aber doch: Ich schaue gebannt hin, immer wieder. Das ist auch die Beobachtung von Gunther Hirschfelder.

O-Ton: Die Tatsache, dass wir so eine Vorliebe haben für Katastrophen, dass wir sie in den Medien ja auch lesen und sehen wollen, ist aber auch Ausdruck der Tatsache, dass wir innere Katastrophen erleben. Wir haben Angst, wir sind unsicher und delegieren das dann an die Mattscheibe.

Autor: Auch die Bibel erzählt von Katastrophen. Die Sintflutgeschichte, der einstürzende Riesen-Turm in Babel. Und von den Jüngern, die mit ihrem Boot über den See fahren und sich auf einmal mitten in einem großen Sturm sehen. Bedroht an Leib und Seele. Die Wellen erscheinen unglaublich groß. Jesus aber steht am Ufer, sieht das und kommt ihnen auf dem See entgegen, wird erzählt. Seelenruhig wandert er über das Wasser. Über die Wellen, die so gefährlich erscheinen.

Eine Katastrophengeschichte. Mit der Botschaft: Menschen, die in Not sind, brauchen Hilfe. Hilfe von außen. Ich höre in dieser Geschichte aber auch die Botschaft an seine Jünger: Nicht jede Welle, die im Leben auf euch zukommt, muss das Ende bedeuten.
 
O-Ton: Wer gibt denn in dieser Welt noch Orientierung. Die Medien verunsichern uns, die Politik enttäuscht uns. Aber es gibt einen Anker, der ist in der Tat geeignet, viele Menschen emotional abzuholen, nicht nur die Gläubigen, und das ist die Kirche, weil sie Wertmaßstäbe vorgibt und vorlebt und auch alles ein bisschen relativiert mit der Nachricht: Wir sollen uns nicht immer so wichtig nehmen.

Autor: Ich möchte keine Katastrohe verharmlosen. Aber vielleicht ist es die biblische Kunst des Lebens, mitten in einer Katastrophe – und es geht um die, die einen selbst betreffen, zum Beispiel eine bedrohliche Krankheit – den Blick zu heben und über die dunkle Welle, die da auf einen einzustürzen scheint, hinüber zu schauen. Das Leben für einen Augenblick in einem anderen Licht zu sehen. Und wer weiß, vielleicht gelingt es dann sogar, mit dieser biblischen Ruhe und Gelassenheit über eine Katastrophe hinweg zu wandern, so wie Jesus über die Wellen in stürmischer See. 

Audiobeitrag Katastrophen


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