Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.09.10, Pfarrer Joachim Gerhardt

Letzte Worte

Autor: Keine Angst. Die ersten Worte, die Sie heute Morgen hören, sollen nicht ihre letzten sein.

Und doch: Gerade die letzten Worte eines Menschen sind oft sehr aussagekräftig – und sie haben eine Botschaft für alle, die wir hoffentlich noch ein langes Leben vor uns haben.

Sprecher: „Ich habe meine Sache hier getan.“

Autor: Das ist der vollmundige Abgesang, überliefert von Albert Einstein. Der geniale Forscher muss sehr mit sich im Reinen, sozusagen seelenruhig aus dem Leben geschieden sein. Auch der Dichter Heinrich Heine verlor im Angesicht des Todes nicht seine optimistisch, liebevoll-ironische Grundstimmung. Er starb mit den frommen wie selbstgewissen Worten:

Sprecher: „Gott wird mir verzeihen, das ist sein Metier.“

Autor: Im besten Fall sind die letzten Worte eines Menschen die Bilanz eines gelungenen Lebens.  Dabei hat im Angesicht des Todes eine gewisse Lockerheit und auch eine Priese Humor durchaus seine Ausstrahlung. Oscar Wilde, der große irische Dichter nahm mit den Worten Abschied:

Sprecher: Ich sterbe, wie ich gelebt habe – über meine Verhältnisse.“

Autor: Zuvor hatte sich der verarmte Poet und Lebemann Oscar Wilde in sein Pariser Hotelzimmer auf Kredit eine Flasche Champagner bestellt. Wer die Flasche am Ende bezahlt hat, ist nicht überliefert. Dass wir überhaupt so viele letzte Worte kennen, ist der guten, alten Tradition zu verdanken, dass sich über Jahrhunderte – viel häufiger als heute – die Familien und Freunde zum Tod eines Menschen am Sterbebett versammelten. Viele Worte mehr oder weniger prominenter Menschen sind daher gut dokumentiert. Allerdings, es gibt auch so manche Fälschung. Von Goethe wurde lange behauptet, seine letzten Worte auf dem Sterbebett seien gewesen – einem großen Dichterfürsten angemessen:  „Mehr Licht!“ In Wahrheit beschloss laut jüngsten Nachforschungen Johann Wolfgang Goethe sein Leben mir der ganz profanen Bitte an seinen Diener nach einem „Botschampfer“, also einem Nachttopf. Auch so manche Fehleinschätzung gab es auf dem Sterbebett – und das sollte uns demütig machen. Der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte, bei seinen Zeitgenossen oft als leicht besserwisserisch bekannt, starb 1814 mit dem Satz:

Sprecher: „Ich brauche keine Medizin mehr; ich fühle, dass ich geheilt bin.“

Autor: Und nicht jeder hat sich widerstandslos dem Tod ergeben. Auch das ist eine Botschaft für uns heute. Jesus selbst hat am Kreuz mit Gott gerungen und ihm mit dem alten Psalmwort geklagt:

Sprecher: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“

Autor: Vielleicht ist die ehrliche Klage in der Todesstunde erst Voraussetzung, um sich dann, ganz am Ende doch fügen zu können und wie Jesus am Kreuz sagen zu können:

Sprecher: „Es ist vollbracht.“

Autor: Die letzten Worte vieler Menschen wollen nicht traurig machen oder gar die Angst vor dem Tod verstärken. Der Nobelpreisträger Werner Karl Heisenberg, das ist der mit der „Unschärferelation“, hauchte zum Schluss:

Sprecher: „Das ist leicht, das habe ich vorher nicht gewusst.“

Autor: So hat manches Abschieds-Statement durchaus Trost gespendet und bewusst der Nachwelt Mut gemacht zum Leben. Für mich sind diese letzten Worte von Menschen, aber vor allem eine Ermunterung: Nicht erst auf dem Sterbebett über den Sinn des Lebens nachzudenken. Und das ist, finde ich, doch ein guter Vorsatz für den Start in diese Woche.

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Quelle: Hans Halter: Ich habe meine Sache hier getan. Leben und letzte Worte berühmter Frauen und Männer, Verlag Bloomsbury 2007, 264 S.

Audiobeitrag Letzte Worte


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