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Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie Dich behüten
Gib mir 'n kleines bißchen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt.
So heißt es in dem Lied Irgendwas bleibt der Gruppe Silbermond. Der Wunsch nach Sicherheit ist um so größer, je unsicherer die Zeiten werden. Je gefährdeter die Welt und je ungewisser die Zukunft erscheint. Und je fraglicher wird, worauf und vor allem: auf wen wir uns in dieser schnellebigen Zeit mit ihren rasanten Veränderungen noch verlassen können.
Musik: Silbermond Irgendwas bleibt
Empfinden Sie, liebe Hörerin und lieber Hörer, das manchmal auch so? Fühlen sich verunsichert, hilflos oder irgendwie auch alleingelassen? Wenn ich gefragt werde, was mein Glaube mir bedeutet, dann vor allem dieses eine: daß ich in ihm in aller Ungewißheit, die mich umgibt und die ich manchmal auch selber verspüre, Halt und Sicherheit und einen inneren Ruhepunkt finde. Mein Name ist Johannes Doering. Ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.
Musik: Silbermond Irgendwas bleibt
Sag, daß das Wort, das Du mir heute gibst, morgen noch genauso gilt. Brautpaare versprechen einander bei ihrer Trauung Liebe und Treue für ihr ganzes Leben. Kinder sollen sich von Geburt an bei ihren Eltern geborgen fühlen, sich unter allen Umständen auf ihre Liebe verlassen können und niemals an ihr zweifeln müssen. Und Jugendliche, die ins Leben hinausgehen, brauchen diesen Rückhalt bei ihren Eltern, die sie gehen lassen und zu denen sie doch immer wieder kommen können.
Bitte schwör, daß, wenn ich wiederkomm, alles noch beim Alten ist: nicht weil ich jede Veränderung fürchtete oder mich ängstlich am Althergebrachten festklammerte, sondern weil Veränderung nicht ohne Verläßlichkeit möglich ist. Ich kann mich nicht auf Neues einlassen und nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn es nichts gibt, das mich hält und trägt. Ich brauche beides: ein Standbein und ein Spielbein. Und je weiter ich mit dem Spielbein aushole, desto sicherer muß das Standbein stehen. Sonst gerate ich aus dem Gleichgewicht und stürze.
Die Hälfte meiner Konfirmanden in diesem Jahr hat sich Konfirmationssprüche ausgesucht, die davon handeln, daß Gott sie segnen und beschützen möge. Allein vier von ihnen haben sich die Worte des 91.Psalms gewünscht: Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen, daß sie Dich auf Händen tragen und Dein Fuß an keinen Stein stoße.
Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy Denn er hat seinen Engeln befohlen
Von Engeln ist heute oft die Rede, auch da, wo die Menschen gar nicht fromm oder religiös sind. Zu einem Menschen, den wir sehr gern haben oder der uns einen ganz großen Gefallen getan hat, sagen wir manchmal: Du bist ein Engel! Oder wenn jemand mit knapper Not einer Gefahr entronnen ist: Da hast Du aber einen Schutzengel gehabt. Eine Konfirmandin hat mir einmal gesagt: Ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube an Schutzengel. Vielleicht weil sie sich Engel konkreter, greifbarer vorstellen konnte als Gott, der ihr fern und ungreifbar erschien. Ich habe ihr geantwortet: Dann meinst Du mit Schutzengel wahrscheinlich das, was ich mit Gott meine. Denn Schutzengel stehen ja doch für nichts anderes als für die schützende, bewahrende Macht Gottes selbst.
Dabei wissen wir natürlich, daß uns der Glaube kein sorgenfreies Leben ohne Lasten, Leid und Gefahren garantiert. Er baut keine Schutzmauern, hinter denen wir zwar sicher, aber zugleich auch eingesperrt wären. So wie in strengen religiösen Sekten oder radikalen politischen Gruppierungen, die ganz klar festlegen, was richtig und was falsch und wer Freund und wer Feind sei. Und die ihren Mitgliedern genau vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen und was sie zu denken haben. Sie geben ihnen Halt und Sicherheit, verlangen dafür aber bedingungslosen Gehorsam. In ihnen kann man Schutz und einen festen Platz finden und sich gemeinsam stark fühlen, muß sich dafür aber anpassen und sich ihren Anführern unterordnen.
Diese Art von Schutz und Sicherheit bietet der christliche Glaube und bietet auch die Kirche nicht. Gott hat seinen Engeln befohlen, daß sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen, das heißt: nicht auf den Wegen, die andere Dir vorschreiben, mit denen andere für Dich entschieden haben, was für Dich gut und richtig ist. Nicht Deine Verwandten, nicht Deine Lehrer, nicht Dein Vorgesetzter, nicht Deine Kollegen, nicht Deine Nachbarn, auch nicht die Kirche, nicht die Politiker, und die kommerzielle Werbung schon gar nicht, die ja doch nur an Dir verdienen will. Sondern auf Deinen eigenen Wegen, die Dir entsprechen und die Du in freier Entscheidung und nach bestem Wissen und Gewissen gewählt hast. Auf diesen Wegen sollen und werden Gottes Engel Dich begleiten und behüten.
In einer Konfirmandengruppe kam neulich die Frage auf, welcher Weg für uns der richtige sei und wozu wir in unserem Leben bestimmt seien. Da fragte ein Mädchen spontan: Wozu bin ich denn bestimmt? Ich habe geantwortet: Das kann ich Dir nicht sagen. Das mußt Du selber herausfinden. Zusammen mit den Menschen, die Dir wichtig sind. Und im Gespräch mit Gott, im Gebet. Ich kam mir in dem Moment ein wenig so vor, als hätte ich sie mit einer Ausrede und ein paar Floskeln abgefertigt. Aber es ist ja tatsächlich so: die Frage, wozu sie bestimmt sei und was ihr Weg sei, kann nur sie selbst beantworten.
Aber andere können ihr und können mir und können auch Ihnen dabei helfen. Menschen, die nicht alles besser wissen. Die nicht versuchen, mich in vorgefaßte Schablonen zu pressen. Die zuhören und sich in mich hineinversetzen können. Die mir Mut machen. Die mir dabei aber nicht nach dem Munde reden, sondern mir, wenn nötig, auch Unbequemes und Unangenehmes sagen. Und durch deren kritischen Rat ich mich nicht angegriffen oder beleidigt fühle, weil ich weiß, daß sie es ehrlich mit mir meinen. Solche Menschen können mir - um es mit den Worten des 91.Psalms zu sagen - zu Engeln werden. Zu Botschaftern und Gesandten Gottes.
Musik: Gospel: May the Lord send angels
Seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen ist nicht immer das Bequemste. Sich anzupassen, mit dem Strom zu schwimmen und mit den Wölfen zu heulen ist oft viel leichter. Aber der Preis dafür kann hoch sein. Der Preis eines Unglücks, in das ich mit all den anderen blindlings renne: mitgefangen, mitgehangen. Der Verrat an Menschen, die auf mich gehofft und gesetzt haben. Der Preis eines verfehlten Lebens.
Im Vertrauen auf Gottes Schutz und Geleit meinen eigenen Weg zu gehen kann bedeuten: belächelt oder abgelehnt zu werden. Hürden nehmen zu müssen. Konflikte durchzustehen. Widerstände zu überwinden. Und daran zu wachsen und zu reifen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Gottes Engel werden mich dabei nicht immer auf Händen tragen und mir nicht alle Stolpersteine aus dem Weg räumen. Jedenfalls nicht in einem äußerlichen, vordergründigen Sinne. Der christliche Glaube macht uns nicht zu unmündigen Kindern. Zu Menschen, die alle Verantwortung für das eigene Leben und Handeln aus der Hand geben und erwarten, daß Gott alles für sie richten werde.
Gott nimmt mir die Entscheidungen, die ich treffen, und die Lasten, die ich tragen muß, nicht ab. Aber er bewahrt mich davor, an ihnen zu scheitern und innerlich zu zerbrechen. Als die Kraft, die mir in Not- und Krisenzeiten zuwächst und mich zu Dingen befähigt, die andere und vielleicht auch ich selber mir nie zugetraut hätten. Als die Sicherheit und Ruhe, mich von der Hektik und Panik um mich herum nicht mitreißen zu lassen. Als die innere Freiheit, auf Gehässigkeiten oder ungerechte Vorwürfe gelassen zu reagieren. Als die rettende Idee, die mir einen ganz neuen Blick auf die Dinge eröffnet und mir Auswege zeigt, wo eben noch alles verloren zu sein schien.
Im Vertrauen auf ihn werde ich meine Verantwortung erst dann aus der Hand legen, wenn ich mit meinen Kräften und Möglichkeiten wirklich am Ende bin. Und das dann auch getrost tun können. Weil ich mich von ihm bejaht und getragen weiß. Mit allem, was mir gelungen ist und was ich erreicht habe, und mit allem, was unerfüllt geblieben ist oder was ich auch schuldig geblieben bin. Wer von uns brauchte das nicht: sich auch einmal in die Hände eines anderen fallen zu lassen, der zu ihm hält und sich für ihn einsetzt und auf den er sich bedingungslos verlassen kann?
Was Gott betrifft, können und sollen wir das auch dann noch, wenn unser Leben zuende geht. Es gibt im Neuen Testament das schöne Bild, daß Engel einen verstorbenen Menschen zu ihm tragen. Diese Gewißheit, daß Gott uns in keinem namenlosen Nichts versinken lassen, sondern uns zu sich nehmen wird - und nicht das Phantasieren und Spekulieren über jenseitige Dinge - läßt uns auf das ewige Leben hoffen.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag, so hat Dietrich Bonhoeffer seinerzeit gedichtet. Das ist sehr viel mehr als nur ein kleines bißchen Sicherheit: das ist die Gewißheit, daß Gott uns in allen Nöten, Zweifeln, Ängsten oder Enttäuschungen, durch die wir hindurch müssen, nicht ins Bodenlose stürzen läßt, sondern uns auffängt und trägt. Insbesondere immer wieder durch die Menschen, die er uns zur Seite stellt. Menschen, durch die uns seine Nähe, seine Hilfe, seine Liebe sichtbar und greifbar wird und ein menschliches Antlitz gewinnt. Engel in Menschengestalt. Manchmal ganz am Rande, ganz unaufdringlich, ganz unauffällig, vielleicht so, daß wir sie gar nicht sehen und bemerken.
Und vielleicht sind auch Sie in diesem Sinne schon mal jemandem zum Engel geworden. Vielleicht ohne daß es Ihnen selber bewußt war.
Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.
Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie Dich behüten
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