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Gott ist die Liebe
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (I Joh 4,16)
Dieser Bibelvers ist in diesen Wochen und Monaten sehr gefragt; denn in diesem Sommer heiraten wieder viele Paare in unseren Kirchen oder lassen ihre Kinder taufen. Brautpaare oder Eltern wählen dann oft dieses Bibelwort aus, das sie oder ihr Kind auf dem weiteren Lebensweg begleiten, das Zuspruch und Orientierung geben soll. Vielleicht kennen es ja auch manche von Ihnen, liebe Gemeinde, als ihren eigenen Trau- oder Taufspruch. Er stammt aus einem größeren Abschnitt über die Liebe im 1. Johannesbrief:
Sprecherin: (Kirstin Hansen): Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (I Joh 4,7-12.16)
Prediger: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Wer diesen Vers als Trau- oder Taufspruch wählt, verbindet ganz besondere Wünsche und Vorstellungen damit: In der Liebe, die ich dem anderen gebe oder vom anderen empfange, spüre ich Gottes Nähe. Liebe ist die Umarmung oder die Zuneigung, die ich für einen guten Freund empfinde, der für mich da ist, wenn ich Hilfe brauche. Liebe ist das Band, das Partner miteinander verbindet, oder die Fürsorge, mit der Eltern sich um ihre Kinder kümmern.
Liebe ist etwas Einzigartiges: in unserem Leben, und auch in der Bibel. Dort heißt es: Gott ist Liebe!
Das ist ein schönes Bild für Gott und auch für die Liebe: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. In unserem Text heißt es auch: Die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott oder: Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
Diese Sätze sprechen mich sofort an: Sie klingen wie Sprüche fürs Poesiealbum. Bei näherem Nachdenken, sind es aber nicht bloß schöne Sätze, sondern es sind auch mutige Sätze: Denn die Liebe als Ausdruck von Gott anzusehen, kann auch Widerspruch wecken. Wer Lieblosigkeit erlebt, der wird in der Liebe vielleicht kein Bild für Gott erkennen können. Er wird vielmehr fragen, wo denn nun der helfende und liebende Gott sei. Wenn die Arbeiter Dürener Unternehmen Monate zittern, wie es denn weitergehen wird, ob ihr Arbeitsplatz erhalten wird? Oder wenn sich Menschen um ihre Rente sorgen müssen, die für immer mehr Menschen nicht mehr ausreicht. Oder wenn Menschen durch eine Trennung oder ein anderes unvorhersehbares Unglück nicht mehr ihre Kredite zurückzahlen können, sich überschulden und mit einem mal kein Geld mehr für Strom und Miete haben? Dann bricht mit einem Mal alles weg, was vorher getragen hat. Nicht nur bei den großen Katastrophen wie vor wenigen Wochen in Duisburg, sondern auch in ganz persönlichen Situationen stellt sich die Frage: Wo ist da Gottes Liebe?
Ich höre bei Besuchen in der Gemeinde immer wieder die Fragen von Kranken und Einsamen, von Enttäuschten und Hoffnungslosen: Werde ich nach einer Krankheit wieder so leben können wie früher? Wie wird es werden, wenn ich nicht mehr in meine Wohnung zurück kann? Werden Freunde mich im Seniorenheim besuchen kommen, oder werden sie mich ganz vergessen? Vielen Menschen fällt es schwer, Gottes Liebe und Barmherzigkeit in ihrem Leben zu spüren. Gott als Schöpfer der Liebe, ja als die Liebe selbst zu sehen, das kann Menschen ihr Vertrauen in Gott erschweren, wenn sie von dieser Liebe nichts erfahren.
Wird uns nicht auch in unserer Gesellschaft und an vielen Orten der Welt vorgeführt, dass anderes wichtiger sei als ein liebevolles und solidarisches Miteinander? Die Menschen sollen funktionieren, ihre Leistung bringen am besten rund um die Uhr. Auch noch am Sonntag. Was für das Zusammenleben wichtig ist, wird wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Nicht nur indem wir Milliarden für ein krankes und krankmachendes Wirtschaftssystem ausgeben, die woanders dringender und hilfreicher wären, sondern indem das wirtschaftliche Denken unsere Lebensgestaltung und unseren Alltag so sehr prägt. Dieser ökonomische Druck grenzt Menschen aus, lässt sie zu bloßen Kostenfaktoren werden. Alte und Kranke werden nicht mehr als Menschen mit ihren eigenen, ganz persönlichen Wünschen und Sehnsüchten wahrgenommen, sondern sie werden zu Fallzahlen in den Bilanzen der Krankenversicherungen und Pflegeheimen. Es ist schwer, positive Zeichen zu setzen. Ich bewundere Familien, die gegen diesen Trend unserer Zeit die Oma oder den Opa bei sich zu Hause pflegen. Oder es ist ermutigend, wenn es Gewerkschaften und Unternehmensleitungen doch schaffen, einen Produktionsstandort gemeinsam zu sichern.
Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben ... Den Menschen mit seinen Interessen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt allen Denkens und Tuns zu stellen, an seinem Leben Anteil zu nehmen das ist ein Protest gegen die Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Wir haben es deshalb vorhin ausdrücklich als Gemeinde bekannt: Wir bekennen uns im Namen Jesu zur Verantwortung für den Mitmenschen / für die Gesellschaft / für alle, die verkannt, vergessen, hilflos, ausgenutzt und unterdrückt sind. Gerade das meint Liebe im biblischen Sinne: Liebe als soziale Verantwortung für den Einzelnen wie für die Gesellschaft! Liebe ist nicht nur ein romantisches Gefühl bei Sonnenuntergang. Liebe ist mehr Liebe bedeutet Nächstenliebe.
Und sie hat ganz praktische Konsequenzen. Was Nächstenliebe gesellschaftlich bedeutet, das hat schon der Prophet Amos im Alten Testament beschrieben. Wir haben in der Schriftlesung gehört, was aus seiner Sicht für eine liebevolle und solidarische Gemeinschaft unerlässlich ist: die Armen nicht zu unterdrücken und von ihnen keine hohen Abgaben zu nehmen, d.h. den Wohlstand nicht durch Kürzungen bei den Ärmsten zu finanzieren, wie es das Sparpaket der Regierung vorsieht. Zur Nächstenliebe gehört auch eine verlässliche Rechtsprechung. Das so genannte Recht im Tor soll nicht gebeugt werden. Das Tor in der Stadtmauer war in Israel der Ort, an dem die Dorfältesten Recht sprachen. Liebe ist eine gesellschaftliche Forderung, die sich in Recht und Gerechtigkeit unter den Menschen widerspiegeln muss. Liebe ist mehr als Zärtlichkeit und Zuneigung, sondern Teilhabe an den Möglichkeiten und Angeboten, die unsere Gesellschaft eigentlich allen bieten sollte. Immer häufiger müssen die Ärmsten ihr Recht vor Gericht einklagen, etwa dass Schulhefte und Bücher zur notwendigen Ausstattung der Kinder gehören und deshalb in die Hartz-IV-Sätze mit eingerechnet werden müssen. Liebe nach biblischem Verständnis findet Gestalt in den Strukturen der Gesellschaft. Liebe lebt unter uns so erinnert Psalm 85 wenn Gerechtigkeit und Friede sich küssen. (Psalm 85,11)
Ubi caritas et amor, Deus ibi est heißt es in einem bekannten Hymnus, den wir gleich hören werden: Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott. Ja, wo Menschen einander verstehen, da können wir in der Gemeinschaft unter uns auch Gemeinschaft mit Gott erfahren. Wo andere nicht außen vor bleiben, sondern mit in die Gemeinschaft hineingenommen werden, in der Familie und Nachbarschaft, in unseren Schulen und in den Arbeitsstätten. Wo das gelingt, da haben Menschen Grund zum Jauchzen und zur Freude: Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott.
Musik: Ubi caritas / Kantorei
Diese Musik drückt nicht nur Harmonie zwischen Menschen aus, sondern weist darüber hinaus auf die Gemeinschaft mit Gott: Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.
Gottesliebe und Menschenliebe sind aufs engste mit- und ineinander verwoben. Das glauben nicht nur wir Christen, sondern das hat schon Jesus im Judentum gelernt und an uns weitergegeben. Als Jesus gefragt wird, welches denn das höchste Gebot sei, da zitiert er zwei Verse aus der Thora, dem heiligen Buch des Judentums: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5. Buch Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (3. Buch Mose 19,18)
Auch der Koran, das heilige Buch der Muslime, fordert zur Nächstenliebe auf und verheißt Gottesliebe, wenn es in der 19. Sure heißt: Denen, die glauben und die gute Werke tun, wird der Erbarmer Liebe bereiten. Vor kurzem haben über 300 muslimische Gelehrte weltweit erklärt, dass die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe eine Grundlage für das gemeinsame Gespräch im Christentum und im Islam sein könnten. Seitdem gibt es eine Debatte darüber unter islamischen Theologen, die sich dabei auch intensiv mit den biblischen Texten befassen. Die Liebe als Gabe Gottes und als gemeinsamen Auftrag zu erkennen und in unseren Religionen zu leben, das wäre schon viel und ein großer Fortschritt für unser Zusammenleben hier und in der Welt.
In diesen Wochen feiern Muslime weltweit den Fastenmonat Ramadan. Er ist nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern auch der Versöhnung und des Teilens, der Zuwendung zu den Armen und an den Rand Gedrängten. Die Hilfebedürftigen werden in diesen Wochen unterstützt und auch zum Fastenbruch in den Familien und in den Moscheen eingeladen. Am nächsten Wochenende laden die in Düren lebenden Muslime alle Dürener zum gemeinsamen Fastenbruch im Stadtzentrum ein. Muslime und Christen können miteinander einen Ramadanabend feiern, Gastfreundschaft und Gemeinschaft erleben und gemeinsam erfahren, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt, und wir aufgefordert sind, sie untereinander über alle religiösen Grenzen hinweg weiterzugeben.
Unser Text aus dem 1. Johannesbrief geht aber meines Erachtens noch weiter. Er wagt zu sagen: Gott ist die Liebe. Weder im Judentum noch im Islam werden wir einen solchen Satz finden. Beide Religionen hätten Sorge, mit einer solchen Behauptung die Gottheit Gottes zu verletzen, ihn zu sehr zu verweltlichen. Auch der 1. Johannesbrief weiß um diese Gefahr: Niemand hat Gott jemals gesehen.
Gott verharrt nicht in gleichgültiger Distanz zu seiner Schöpfung, unserer Welt, sondern (wir) Christen glauben: Gott hat sich durch Jesus in diese Welt hineinbegeben, in die Ausgrenzungen, in unseren Schmerz und unsere Trauer, er hat Hass und Ablehnung selbst ertragen. Jesus ist an die Ränder der Gesellschaft, der Dörfer gegangen, zu den Aussätzigen, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte. Er hat sie geheilt und ihnen neue Gemeinschaft ermöglicht. In Jesus begegnet Gott den Menschen auf Augenhöhe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Gottes Liebe ist in unsere Welt gekommen.
Eines wird dabei auch deutlich: Zur Liebe gehört auch Freiheit. Aus Liebe hat Gott uns als freie Menschen geschaffen, die selbst über ihren Weg bestimmen. Die sich sogar gegen den Willen ihres Schöpfers entscheiden und auch das Böse wählen können. Was für eine Liebe die die Möglichkeit zulässt, dass der Geliebte seinen eigenen Weg geht. Wie schwer fällt es uns, in unserem Leben zu akzeptieren, dass Menschen, die wir lieben, ihren eigenen Weg gehen, etwa wenn die Kinder groß geworden sind, ausziehen und eigenständig leben.
Gottes Liebe meint seine Bewegung auf uns zu, durch die sich unser Leben neu öffnen kann: Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Versöhnung heißt: wieder in Beziehung treten, gestörte Freundschaften heilen, auch das Verhältnis zu Gott. Gott hat durch Jesus gezeigt, was solidarisches Leben sein kann, das Menschen aus ihrer Beziehungslosigkeit herausführt. Unsere Beziehung zu Gott wieder zu entdecken kann Folgen dafür haben, wie Menschen miteinander umgehen. Nächstenliebe leben, d.h. für uns Christen und für uns als Kirchengemeinde: Menschen zu begleiten, ihnen Kontakte und Freundschaften zu ermöglichen; etwa in unserem Café International. Dort sind die Türen immer offen für Menschen aus vielerlei Ländern und Kulturen. Sie treffen sich zum Klönen oder lassen sich in vielen Fragen des täglichen Lebens beraten. Frauen können sich dort unter sich treffen, und traumatisierte Flüchtlinge bekommen eine professionelle psychologische Beratung. Aber vor allem sind uns die Menschen mit ihren Begabungen willkommen. Sie bringen sich mit so vielem ein: bei unseren Gemeindefesten oder Gottesdiensten, es entstehen Kontakte und Freundschaften.
Gottes Liebe ist ein unauflöslicher Bund mit uns. Mit diesem Bund nimmt Gott Anteil an unserem Leben. Mit ihm will er uns tragen, ermutigen, schützen und beschirmen. Umgeben von Gottes Liebe wird es auch uns gelingen, in Liebe in Beziehung miteinander zu bleiben. So bleibt dieses Wort der Bibel nicht nur ein schöner Spruch, sondern dann hilft es, unser Leben und unser Miteinander zu gestalten und zu verändern: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Amen.
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