Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.08.10, Pfarrer Max Koranyi

"Wieder-Erkennungs-Wert"

„Ich kenne Sie doch“, sagt die Verkäuferin hinter der Fischtheke.. Sie sagt es auf niederländisch: „Ik herken Uw!“ Ich bin erstaunt. Berührt. Und hab’ mich richtig gefreut.

Da erinnert sich noch jemand an mich. Erstaunlich. Denn immerhin war ja inzwischen wieder einmal ein Jahr vergangen, dass ich in Zeeland im Fischgeschäft „Bruinvis“ stehe. Nun muss man wissen: Den Laden kennt natürlich nicht jeder. Er ist ziemlich versteckt, hinter dem Deich, auf einem Bauernhof.. Plastikstühle im Hof. Aber dann dieses Wahnsinnssortiment. Ich nehme für mich und meine Frau jedes mal das Gleiche: Zwei Matjesfilets mit Zwiebeln, einen gebackenen Kabeljau mit Zitrone und Salz, einen Kaffee, einen schwarzen Johannisbeersaft und 100 Gramm Nordseekrabben für zu Hause. Also, ich stand wieder vor der Theke: „Goeiendag. Twee nieuwe haringe met uitjes, alstublieft, een lekkerbeck, en een onz hollandse garnalen om mee te nemen.“  Und genau in dem Moment sagte die Verkäuferin: „Ich kenne Sie doch!“

Woran werden wir erkannt? Am Aussehen? Sicherlich. Ich hatte immer noch wie vor einem Jahr meine graue Treckingjacke an. An der Aussprache? Niederländisch mit deutschem Akzent. Bestimmt auch. An meiner Bestellung, die sich seit ca. 10 Jahren nie groß verändert hat? Ganz sicherlich ebenso. Oder an allem und mehr noch zusammen, was das Ganze eines Menschen eben so ausmacht? Einmalig, Unwechselbar. Eine so nie wieder erreichbare Kombination.

Als ich einmal in meinem Leben durch einen Fehler ganz verunsichert wurde, wer ich eigentlich wirklich war, schrieb mir eine alte Freundin: „Und vergiss nicht, dass ich Dich sehr gern hab – mit Deinem Humor, Deiner Unbefangenheit und freundlich-direkten Art mit Menschen ins Gespräch zu kommen, mit Deiner Art, Vater zu sein (die schon deutlich anders ist als üblich), Deiner Begeisterungsfähigkeit, die ansteckt, Deiner Ehrlichkeit, und mit etwas, das ich nicht genau bestimmen kann, das Geheimnis, das jeder Mensch hat für die, die er anzieht.“ Ich habe den Brief aufgehoben. Damit ich in Zeiten, in denen ich mir selber wieder einmal abhanden komme, weiß, wer ich neben all meinen Selbstzweifeln auch noch bin.

Ein offenes Geheimnis: Das darf ich wohl auch für Gott sein. Er hat ja schon immer ein Auge auf mich geworfen. „Ich kenn dich doch“. Das hat er übrigens schön öfter auf die eine oder andere Art zu mir gesagt. „Ich kenne Deinen Namen mit allem, was daran hängt, so wie vielleicht  niemand sonst auf der weiten Welt Dich sieht.“ Nein, es hat mir eigentlich nie Angst gemacht, dass Gott mich an diesem und jenem hundertprozentig wiedererkannt hat. Wir beide sind ja auch schon durch eine lange Geschichte nah miteinander verbunden. Offiziell hat er meinen Namen zum ersten Mal über der Taufe gehört. Und seitdem verbindet er damit in seiner Weitsicht alles, was bis zum heutigen Tag an ihm hängt. Erfrischend Gelungenes, was so nur durch mich möglich war. Und bittere Niederlagen, die auf diese Art nur ich erleben konnte. Die unterschiedlichen Seiten waren Gott nie egal. Aber nur in allen zusammengenommen erkannte er mich als sein einmaliges Kind. „Einmal hab ich Dich bei Deinem Namen gerufen. Das verpflichtet zur persönlichen Versorgung. Tag und Nacht. Bis zum Ende werde ich Dich immer wiedererkennen. Und weit noch darüber hinaus.“

Ich habe dann das Tablett mit dem Fisch nach draußen in die Sonne getragen. Und dann war alles so wie immer: Vollkommenes Glück! Weil die nette Verkäuferin hinter der Theke mich wiedererkannt hat. Und das hat mir mehr als gut getan.

Audiobeitrag "Wieder-Erkennungs-Wert"


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