Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.08.10, Pfarrer Max Koranyi

"Alles wird gut"

Am 6.Februar war ich im Stadion. Ich weiß, liebe Hörerinnen und Hörer, das ist jetzt schon über ein halbes Jahr her.

Aber es hat mich so beeindruckt, dass ich heute noch davon erzählen muss. Also: mein Sohn hatte von seinen beiden Brüdern zu Weihnachten zwei Karten geschenkt bekommen. Rhein-Energie Stadion Köln. Jetzt nicht irgendwelche Karten: Osttribüne, Eingang 14, Reihe 18, Sitzplätze 29 und 30. Quasi von oben über der Mittellinie. Da siehst Du alles. Und jetzt kommt’s: Ich durfte mit. Nun werden Sie denken. Na und? Ist doch nett. Schon. Aber Sie müssen wissen: Ich habe – ganz im Gegensatz zu meinen drei Söhnen - nicht viel Ahnung von Fußball. Und doch war ich dabei. Vater-Sohn-Event. Und was habe ich nicht alles dabei gelernt. Über den Sport. Aber erstaunlicherweise auch über meine Kirche.

Zunächst also das Spiel: Der Hamburger SV zu Gast beim 1.FC Köln. Oder war es doch zunächst einmal ein Familientreffen der Kölner? Da saßen also vor uns in der Reihe zwei adrett angezogene Ehepaare um die 70 und waren vergnügt und entspannt wie bei  Kaffee und Kuchen. Familien mit Kleinen und ganz Kleinen. Liebespaare. Und gute Freunde. Manche davon verkleidet, denn es war ja immerhin eine Woche vor Karneval. Links von uns ein aufgekratzter, aber absolut friedlicher Hamburg-Fan, rechts von uns eine völlig stoische Kölnerin mittleren Alters. Meine Zeit, dachte ich, was für ein interessanter Bevölkerungsdurchschnitt: Alt und Jung, Reich und Arm – alle dabei und vereint für den Verein. Ist doch kein Wunder, dass in dem Moment meine Gedanken zu meiner Kirche abschweiften, oder? Also, wir haben ja auch alle Generationen und Schichten in unserer Kartei. Und bei Großveranstaltungen wie Sommergrillen sind meist auch alle vertreten. Hingegen wird der normale Gottesdienst oft genug schwerpunktmäßig von Grau- und Weißschöpfen frequentiert. Wir haben sie gern – aber was machen die anderen zur gleichen Zeit? Bundesliga ist doch erst am Nachmittag.

Aber dann ging es ja erst richtig los. Die FC-Hymne wurde angestimmt und für „Sport-Heiden“ wie mich textmäßig auf der Leinwand angezeigt. Für mich. Alle anderen konnten sie natürlich auswendig. Und standen selbstverständlich dabei. Den Schal ausgespannt zwischen linker und rechter Hand. Wir beamen jetzt den Gottesdienstablauf, unsere Liturgie der derzeitigen Trinitatiszeit nicht auf eine Wand, aber immerhin liegt sie allen Gesangbüchern bei. Weiß das noch einer?

Verschämt verweise ich zu Beginn des Gottesdienstes darauf hin, wenn auswärtige Besucher zu einer Taufe kommen. Und beim Fürbittengebet bitte ich immer ganz höflich, aufzustehen. Dem FC-Fan muss man das alles nicht sagen. Der weiß, was sich gehört. Das Spiel selbst? Spannend bis zum Abpfiff. Ein frühes, aber ganz frühes Tor (2.Minute!) der Hamburger durch Marcell Jansen. Jubel bei unserem Hamburger Nachbarn und Kommentar  meines Sohnes: „So ein frühes Tor tut dem Spiel nur gut“. Er hatte recht. Der „Capitano“ Mohamad glich für die Kölner aus. Neben mir – wie gesagt – die stoische Kölnerin. Beim Tor für Hamburg: Ruhig und gefasst. Beim Tor für Köln: Ebenso. Diese Haltung hatte für mich etwas von Glaubensstärke. Wünschte ich mir doch von meinen Gottesdienstbesuchern auch genau dieses Vertrauen, dass Singen und Zittern und Beten am Ende alles gut ausgehen lassen. Ihre Haltung würde belohnt: Zwar schaffte zunächst Petric aus Hamburg einen Doppelpack, davon einer als Handelfmeter. Aber jetzt kommt’s: Resignation bei den Kölnern? Weit gefehlt: Freistoß von Novakovic in der 75. und ein Treffer von Chihi in der 88. Minute ließen beim Endstand 3:3 die Kölner wie Sieger vom Platz gehen. Die Geduld meiner Nachbarin wurde mehr als belohnt. Leute, möchte ich meinen Zuhörern zurufen: Macht’s wie die Kölner, kommt als Familien zu uns, singt auswendig die Liturgie und gebt die Hoffnung nie auf!

Audiobeitrag "Alles wird gut"


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