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"Jugend"
Man stelle sich vor: Der Verlorene Sohn würde heute noch leben. Und würde sich von den Eltern eine Auszeit wünschen. So etwas gab es ja schon früher.
Bildungsreisen nach Italien waren angesagt. Zu Fuß wanderten Maler über die Alpen und brachten anschließend prächtige Gemälde zurück. Gesellen zogen durch die Lande, an ihren schwarzen Cordanzügen auch sichtbar zu erkennen. Handwerker aus Bayern suchten sich im Norddeutschen Flachland gediegene Meister und sammelten gerade fern von der Heimat die allerbesten Erfahrungen. Das war nicht immer ein ganz einfaches Unternehmen. Der Dialekt war anders, die neue Arbeitstechnik oft völlig unbekannt. Der Wanderweg war steil, und manche Unterkunft eine gehörige Herausforderung. Aber auch das Schweinehüten des Verlorenen Sohns war ja schon kein Zuckerschlecken gewesen. Doch gerade dieser Ort hat ihn geformt, verändert, geprägt. Und ihn auf schwierigen Umwegen am Ende zu seiner Heimat zurückgeführt.
Heute wäre so etwas undenkbar. Die Eltern würden sagen: Monate durch die Welt ziehen? Das schlag dir mal gleich aus dem Kopf. Du verlierst dabei kostbarste Lebenszeit. Deine gymnasiale Schulzeit ist sowieso schon verkürzt. Im Kindergarten hast Du es versäumt, fließend Englisch zu lernen. Möchtest Du vielleicht bei der nächsten Zentralen Abschlussprüfung, oder etwa gar beim Pisa-Test hinten runterfallen? Umwege, mein Lieber, kannst gerade Du Dir nicht erlauben. Bleib auf der Überholspur, meine Liebe. Streng Dich an. Zu Hause, im Betrieb, in der Regelstudienzeit. Wettbewerb, Erfolg und schnelle Leistung sind alles.
In Adalbert Stifters Roman Nachsommer aus dem Jahre 1857 sinnt ein älterer Herr über die Berufsentscheidungen seiner Jugend nach: Schwierig wird es, wenn etwas, das Flossen hat, fliegen, und etwas, das Flügel hat, schwimmen muss. Es ist doch so schwer, seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen, das heißt, einen Lebensweg wählen muss. Daher werden junge Leute, ehe sie sich selber bewusst werden, in Laufbahnen gebracht, die ihnen zwar den Erwerb dessen, was sie zur Befriedigung der Bedürfnisse brauchen, sichern. Von einem Berufe ist da nicht die Rede. Das ist schlimm, sehr schlimm, und die Menschheit wird dadurch immer mehr zur Herde.
Es ist eine große Gnade, auch heute noch Verlorener Sohn oder Tochter sein zu dürfen. Kein menschliches Leben verläuft ohne Umwege. Ausprobieren und Sackgassen gehören ganz einfach dazu. Aber auch überraschende Entdeckungen der eigenen Gaben. Und all dies passiert eben meist nicht auf der heimischen Couch. Was bin ich noch heute meinen Eltern dankbar, dass sie mich manchmal auch gegen ihre eigene Überzeugung haben ziehen lassen. Dass ich also Zeit scheinbar vergeuden durfte, um dann doch irgendwann einmal mich selbst und meine Interessen zu finden. Jede Jugendzeit sollte ab und an verschwenderische Zeit sein dürfen. Verschwenderisch an Gedanken, Reisen, Testversuchen. Nur so sortiert man das Unpassende aus und findet am Ende durch eigenständige Entscheidungen seinen eigenständigen Weg. - Auch die biblischen Psalmen wissen um die vielschichtigen Entwicklungen junger Menschen: Gott, leg mich nicht fest auf meine falschen Jugendwege, heißt es dort, sondern denke barmherzig über mich. Und in der Tat: Gott beweist einen langen Atem mit seinen Kindern und viel Geduld vor allem mit Verlorenen Söhnen. Er lässt sie allesamt ihre eigenen Wege inklusive mancherlei Umwege gehen. Denn er weiß: Gerade in dieser Freiheit werden sie reifen, lebenslang: Gott, von meiner Jugend auf hast Du mich begleitet und noch im Alter kann ich Wunder was davon erzählen.
"Jugend"
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