Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.08.10, Pfarrer Max Koranyi

"Mit-Spracherecht"

Hör zu, da spricht einer neben dir. Und wenn du aufmerksam lauschst, verstehst du: Er sagt dasselbe wie du. Merkwürdig. Haargenau die gleichen Worte.

Und das Allererstaunlichste: Es stört keinen von Euch beiden. Du redest. Er redet. Friedlich zusammen. Um euch beide herum wehen die gleichen Sätze. Nähern sich wie die Wellen am Strand. Lauter. Leiser. Ein ewig gleicher Rhythmus. Jetzt weißt du es: Der Mensch neben dir sagt das Gleiche wie du, weil er das Gleiche wie du macht. Die anderen hinter dir auch. Das muss es sein: Ihr, ihr alle, ihr sprecht zusammen ein Gebet.

Jetzt erinnerst du dich. Als Kind saß früher dein Vater links von dir. Deine Mutter rechts. Oft waren sie unterschiedlicher Meinung. Jetzt, in diesem Moment aber klingen die dunkle und die helle Stimme perfekt zusammen. „Ich glaube an Gott, den Vater.“ Das Apostolische Glaubensbekenntnis. Das sprechen sie jetzt ganz eng zusammen. Und in der Mitte bist du – und holperst etwas hinterher. Im Konfirmandenunterricht seid ihr damals erst bis zum Vater Unser gekommen. Da bist du Vorsprechmeister: Jetzt bist du erst beim eingeborenen Sohn angekommen. Während deine Eltern schon bei der Jungfrau Maria sind. Irgendwann wirst du mit ihnen gleichzeitig bei ihr eintreffen.

Freunde beten im Gottesdienst zusammen. Das verbindet. Feinde aber sprechen auch den gleichen Text. Was nun? Halt! So, war das nicht gedacht gewesen. Ich will für mich alleine glauben. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Aber fast gewaltsam zieht uns alle etwas mit runter Und der unliebsame Nachbar mitten dabei. Dagegen bist du völlig machtlos.

Einmal hatte es mir die Sprache verschlagen. Ich war traurig. Ich war krank. Da kam mir kein auferstanden von den Toten über die Lippen. Und was passierte? Gänzlich ungerührt sprachen sie es hinter und vor mir weiter. Klassische Stafettenübergabe. Bei der heiligen christlichen Kirche war ich dann wieder dabei. 

Beim gemeinsamen Gebet klang meine gestrenge Mutter immer ganz weich. Und mein zurückhaltender Vater immer ganz forsch. Die alten Texte holten neue Seiten bei ihnen heraus. Ihre Stimmen vermischten sich. So eng verbunden wie beim Glaubensbekenntnis waren wir als Familie ganz selten.

Sicherlich, man hört den Vorbeter durch. Ihn muss es natürlich auch geben. Er räuspert sich und betätigt damit das Startzeichen zum Murmeln der Wellen-Worte. Zwischendurch, bei besonderen Abschnitten, taucht er auch extra betonend wieder auf. Aber er weiß auch nicht mehr als wir. Einmal hat er sich sogar versprochen. Den allmächtigen Vater ausgelassen. Genau das macht ihn ja so sympathisch. Er bleibt einer von uns. Gebrochen sprechend.

Nie ist es ein Gleichschrittsgebet. Die alte Dame hinkt immer eine halbe Zeile zurück. Aber sie kommt am Ende immer beim ewigen Leben an. Später als wir, sicherlich. Aber darum nicht weniger glücklich. Es gibt auch solche, die verpassen den Einstieg beim Schöpfer. Sie lassen dann Himmel und Erde an sich vorüberziehen. Aber, glaub es mir, bei der Auffahrt in den Himmel sind sie alle wieder hellwach dabei. Jetzt lass dich nicht weiter von mir ablenken. Sprich deinen Text. Denn du musst wissen: Die anderen neben dir, die richten sich manchmal auch nach dir aus. Bring sie mit deiner Stimme ins Lot zurück. Damit ihr alle, alle zusammen einmal beim Amen ankommen werdet.

Audiobeitrag "Mit-Spracherecht"


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