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"Auf Wider Hören!"
Kennen Sie eigentlich, liebe Hörerinnen und Hörer, noch den alten R 4? Renault Vier. Das Auto mit Pistolenschaltung und Schiebefenster.
Als Sonderdraufgabe auch mit aufrollbarem Dach. Unser Erster hatte noch eine Kurbel zum Anlassen. Vorne im Motor. 1979, also vor mehr als dreißig Jahren waren wir mit einem Folgemodell im Elsass unterwegs. Meine Frau war mit unserem ersten Kind schwanger. In der Nähe des Örtchens Münster fing es an zu dunkeln. Der R 4 ruckelte, dann holperte er, dann ging nichts mehr. Eine seiner vielen Schwächen neben dem kontinuierlichen Durchrosten war der Keilriemen. Er war gerissen. Wir standen also am Straßenrand unter einer alten Pappel und wussten nicht weiter. Weil der R 4 nicht mehr konnte.
Das erste Auto, das aus Richtung Colmar kam, hielt sofort an. Nicht nur das war ein Wunder. Der Mann, der ausstieg, war Mechaniker bei Renault. Er kannte also seinen Keilriemen und schleppte uns ohne große Worte in sein Heimatdorf Turckheim ab. Beim Manövrieren sagte seine Frau: Gib ach, Pierre, da Frau isch schwanger! Nun muss man wissen: Der Elsass war immer umstrittenes Land. Beim Abendbrotstisch, den Madame sofort mit landeseigenen Köstlichkeiten gedeckt hatte, erzählte Monsieur Schwindenhammer: Meine Großmutter wurde 1870 als Französin geboren. 1871 wurde sie deutsch. 1918 bekam sie die französische Staatsbürgerschaft wieder. 1940 war sie wieder Deutsche. 1946 starb sie wie sie begonnen hatte als Französin. Aber die ganze Zeit hat sie eines bewahrt: Die elsässische Sprache. War Monsieur Schwindenhammer deshalb so freundlich, weil wir uns trotz der ganzen Geschichte - immer noch verständigen konnten?
In diesem Sommer waren meine Frau und ich wieder im Elsass unterwegs. Nein, nicht mehr im R 4. Den gibts ja leider nicht mehr. Ein unbestimmtes Gefühl lässt unseren Wagen von Col de la Schlucht nach Turckheim runterrollen. War das nicht der Ort, wo wir...? Weißt Du noch die Straße? Da ist sie: Rue du Florimont Ein Nachbar auf dem Bürgersteig sagt: Familie Schwindenhammer? Dort, wo auf dem Tor rote Blüten sind. Das Ehepaar, sie sind beide im Garten. Nur zur Erinnerung: Wir sind ja alle 30 Jahre älter. Nicht eine Sekunde zögern die Elsässer. Sie wissen genau, wer wir sind. Und dann läuft es ab wie damals: Neuer Wein und Gugelhupf.
Drei Kinder wie bei uns. Eine Tochter ist Anästhesieschwester geworden. Den alten Leuten nimmt sie vor der Operation die Angst. Sie redet dann Elsässisch mit ihnen, sagt der Vater. Der Klang der Worte überlebt nicht nur alle Wirren der Geschichte. Er ist auch in allen Lebensstadien lebenswichtig. Erinnert an die Kindergebete. Und den Trauspruch. Und die Lieder zur Goldhochzeit. Im Wirbel der Zeit muss es doch irgendetwas geben, das bleibt.
Es sind ja nicht nur irgendwelche Worte, Klänge, Töne, die dabei zum Hören kommen. Die Geschichte eines ganzen Lebens findet seinen Niederschlag in wiedergehörten Lauten. Seelen-Erinnerungen. Gefühle auch geistlicher Heimat. Deshalb haben ja auch die alten Lieder und Liturgien in der Kirche ihren gewaltigen Sinn. In ihnen spricht sich eine Welt aus, die in allem Wechsel nicht untergeht.
Und wenn ich Elsässisch höre? Dann sehe ich immer noch den R 4 in der Dämmerung, ein hilfsbereit-wissendes Gesicht und die Geschichte eines Landstrichs, der seine Sprache mit all ihrem Trost bewahrt hat. Bis jetzt.
"Auf Wider Hören!"
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