Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.08.10, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Paulus in Athen

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Die letzte Station auf unserer Wanderung mit Lukas ist Athen, das geistige Zentrum der Alten Welt.

Paulus wartet hier einige Tage auf seine Reisebegleiter Timotheus und Silas, die noch auf der letzten gemeinsamen Station in Beröa verweilen und bald nachkommen sollen. In dieser Wartezeit redet er Tag für Tag in der Synagoge und auf dem Marktplatz mit vielen Menschen. „Gelegentlich“, so berichtet Lukas, „führten auch einige Philosophen, Epikureer und Stoiker, Gespräche mit ihm. Manche meinten: „Was will denn dieser Schwätzer sagen?“ Andere dagegen sagten: „Er scheint ein Bote fremder Götter zu sein“ – weil er von Jesus und der Auferstehung predigte. Da nahmen sie ihn und führten ihn zum Areopag, dem Platz, auf dem früher das Gericht tagte, und sagten: „Lass hören, was das für eine neue Lehre ist, die du da verkündigst! Denn manches, was du sagst, klingt recht befremdlich in unseren Ohren. Wir wollen wissen, was das bedeuten soll!“ Und Lukas fügt ein wenig spöttisch hinzu: „Alle Athener und die Fremden, die in der Stadt leben, haben ja für nichts anderes Zeit, als jeweils das Neueste zu sagen oder zu hören.“

Paulus lässt sich nicht lange bitten und hält eine große Rede, wie er sich Gott vorstellt. Er beginnt mit einer Beobachtung auf seinen Stadtrundgängen in Athen: „Als ich durch eure Stadt streifte und eure Heiligtümer besichtigte, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift „Einem unbekannten Gott“. Und er fährt fort: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das will ich euch jetzt verkündigen: Der Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat, er ist der Herr des Himmels und der Erde und wohnt darum nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet sind.“ Und er spricht weiter über seinen Gott, der die Welt so gut geordnet und eingerichtet hat, wie sie die Menschen vorfinden, und dass er einen Tag des Gerichts bestimmt habe, an dem die Menschen gerecht gerichtet werden durch Christus, den Gott von den Toten auferweckt habe. „Als sie Auferweckung von den Toten“ hörten, spotteten die einen, die anderen aber sagten: „Wir möchten dich darüber noch ein weiteres Mal reden hören“. Damit war das Treffen auf dem Areopag beendet.

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Berührt diese Rede Leute von heute? Sagen die alten Bilder von Gott einem modernen Menschen etwas? Die Vorstellung, dass Gott am Ende aller Tage als Richter kommen werde, wird nur noch von wenigen so ernst genommen wie zu Zeiten Martin Luthers vor 500 Jahren. Umso einleuchtender für moderne Menschen ist dagegen eine andere Aussage über Gott, mit der Paulus seine Zuhörer aufzuklären versucht:
 
„Keinem von uns ist Gott fern. Denn in ihm leben wir; in ihm bewegen wir uns, in ihm sind wir.“

Dieser Gedanke stellt Gott nicht nur als Person dar, sondern zugleich als ein Medium, wie Licht und Luft. Dieses dritte Medium aber, das alle Menschen zum Leben brauchen, wird Liebe genannt; sie ist nur durch Personen zugänglich und vermittelbar, aber sie wirkt wie frische Luft und warmes Licht. Deshalb beten Christen Gott als Vater, als Person an und bekennen zugleich, dass sie ganz allein und nur in ihm, in seiner Liebe und durch ihn leben. Mit dem Reisebericht des Lukas ist die gute Botschaft von Gott als dem Vater aller Menschen nach Rom und in die ganze Welt gedrungen und wird immer weiter verbreitet.

Audiobeitrag Paulus in Athen


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