Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.08.10, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Auf dem Weg nach Europa

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Mit der Kreuzigung Jesu war nicht alles zu Ende. Im Gegenteil, die Jesusbewegung weitete sich nun erst richtig aus.

Die Erfahrung, dass Jesus auferstanden ist, hat sich verbreitet als die Vorstellung, dass Gott als die Liebe nicht umgebracht werden kann. Der Glaube an Christus als Erlöser der Menschheit ist der Glaube an die lebendige, Leben schaffende Kraft der Liebe. Der Glaube an Gott als Liebe hat sich seit damals in aller Welt ausgebreitet.

Lukas erzählt von den Anfängen der christlichen Gemeinde im zweiten Teil seines Reiseberichts, in der Apostelgeschichte: Als einen großen öffentlichen Auftritt der Jünger in Jerusalem schildert er den Anfang. Die erste Predigt des Simon Petrus, des Fischers vom See Genezareth, beeindruckt viele, es bildet sich eine Gemeinde und sie wächst schnell.

Später begleitet Lukas die Apostel Petrus und Philippus auf ihren Wanderungen in Palästina und kommt schließlich ausführlich auf die dramatische Wende im Leben eines Gegners der Christen zu sprechen: Saulus, ein strenggläubiger Jude, der die neue Gemeinschaft zunächst entschieden bekämpfte, sieht in einer Vision Christus und lässt sich von ihm zum Apostel berufen. Den weiteren Lebensweg des Paulus, seine Missionsreisen, begleitet Lukas von diesem Erlebnis bei Damaskus an bis nach Rom, fast im Stile eines Reporters.

Ein weiterer wichtiger Einschnitt im Leben des Paulus, der sich bis heute auswirkt, ist sein Weg nach Europa. Doch wie kam es dazu? Als er in Troas in Kleinasien tätig ist, erscheint ihm ein Mazedonier im Traum und bittet ihn „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns“. So erzählt Lukas und schreibt weiter: „Auf dies Traumgesicht hin suchten wir sofort eine Fahrtgelegenheit nach Mazedonien.“ – „Denn wir schlossen daraus, Gott habe uns berufen, um dort die Heilsbotschaft zu verkündigen. So stachen wir von Troas aus in See und fuhren geradewegs nach Samothrake; am Tag darauf nach Neopolis und von dort nach Philippi. Das ist die bedeutendste Stadt in diesem Teil Mazedoniens, eine römische Kolonie.“

In Philippi findet Paulus wie schon Jesus zuerst Gehör bei Leuten, die von ihrer Hände Arbeit leben, und vor allem bei Frauen. Lydia, eine Purpurhändlerin, wird zu einer überzeugten Anhängerin des neuen Glaubens und nimmt Paulus und seinen Begleiter Silas in ihr Haus auf.

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Was hat diese Frau, was hat überhaupt die ersten Christen an dieser Botschaft so angezogen? Wie kann man einem modernen Menschen diese Wirkung erklären? Kann das auch ein Mensch verstehen, der nicht an Gott glaubt?

Ich meine schon, denn alle Bilder und Berichte des Evangeliums damals und heute enthalten den einen starken Gedanken als Kern: Gott ist die schöpferische Kraft allen Lebens, ist die Liebe, die allen entgegenkommt, die Kraft, die Leben hervorbringt und Leben erhält, ohne dass man dafür etwas leisten könnte oder müsste. Diese Erfahrung machen Kinder von Anfang an, sonst könnten sie gar nicht aufwachsen. Die Bibel spricht diese eine Erfahrung, die alle Menschen nachvollziehen können, in ganz unterschiedlichen Formen aus. Die Kraft der Liebe aber wird nur wirksam, wenn man daran glaubt, herstellen lässt sie sich nicht, aber ihre Wirkungen sind in jedem Leben spürbar.

Morgen werden wir auf unserer letzten Station mit Paulus in Athen sein.

Audiobeitrag Auf dem Weg nach Europa


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