Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.08.10, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Verurteilt unter Verbrechern

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Nun nähern wir uns auf unserer Wanderung mit Lukas auf den Spuren von Jesus Jerusalem, dem geistigen und religiösen Zentrum Israels.

Hier ist das Schreckliche geschehen, Jesus wurde umgebracht - im Trubel des Passahfestes, vermutlich im Jahr 33 unserer Zeitrechnung. Über vierzig Jahre liegt dieses Geschehen auch für Lukas nun schon zurück und immer noch erzählen die Alten, die von ihren Eltern davon erzählt bekamen, nun ihren Kindern von dem, was damals geschah, und Lukas und einige andere haben diese Erzählungen aufgeschrieben:

Den liebevollen Lehrer haben die Führer des Volkes und der Kommandant der römischen Besatzung als Störer der Ordnung gemeinsam aus dem Weg geräumt, gefangen, gefoltert, getötet. Lukas stellt den Prozess und die Hinrichtung Jesu dramatischer dar als die anderen Evangelisten, er fügt ein Verhör vor Herodes, dem jüdischen König von Roms Gnaden, hinzu und überliefert drei letzte Worte von Jesus, die den freundlichen, verantwortungsvollen Lehrer noch einmal in der ganzen Tiefe seines Wesens und vor allem in seinem Vertrauen auf Gott zeigen: Jesus wendet sich, als sie ihn schon ans Kreuz genagelt haben, an Gott als seinen Vater und bittet ihn ausgerechnet für die, die ihn quälen und töten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ 

Dann schlichtet er den bizarren Streit zwischen den beiden Menschen, die mit ihm zusammen gekreuzigt werden. Der eine hatte geschimpft und gespottet: „Bist du nicht der Christus, der König von Israel? Rette dich und uns!“ Der andere aber hatte den verzweifelten Spötter zurechtgewiesen: Hast du denn gar keine Furcht vor Gott, nicht einmal jetzt, wo auch deine letzte Stunde geschlagen hat? Wir erleiden doch die gerechte Strafe für unsere Taten, dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und dann wendet er sich an Jesus und sagt zu ihm: Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Jesus aber erwidert dem, der ihn verteidigt hatte: Wahrhaftig, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Im Sterben schließlich wendet sich Jesus noch ein zweites Mal an seinen Vater und ruft laut aus: „In Deine Hände übergebe ich meinen Geist.“  Ein letztes Mal bringt er zum Ausdruck, dass der Tod seine Verbindung zu Gott nicht auflösen kann.

War das das Ende der Bewegung, die Jesus ausgelöst hat? Keineswegs.
Die Berichte des Lukas in seinem Evangelium und in der Apostelgeschichte zeigen es: Sein Tod war nicht sein Ende. Jesus hat als die Liebe in Person unter den Menschen gewirkt und wirkt weiter, er war und ist Gott als die entgegenkommende Liebe, und diese Liebe ist stark wie der Tod, ohne dieses Liebe gäbe es gar kein menschliches Leben, jeder Mensch braucht die Kraft der Liebe, die ihm ins Leben hilft, wie jeder Mensch Licht und  Luft braucht. Aber diese Kraft der Liebe erschüttert jede Ordnung, gerade weil sie sich für alle Menschen einsetzt.

Wie aber könnte man sonst von der unendlichen, ewigen Kraft der Liebe sprechen, wenn nicht in den Bildern der Bibel, wie Gott sich als Vater in Jesus allen Menschen zuwendet und auch nach seinem Tod lebendig weiterwirkt. In die Vorstellung von der Auferweckung Jesu  und vom ewigem Leben für alle Menschen kleidet sich die Erfahrung: Ohne Liebe kein Leben.

Wie es weiterging mit den Jüngern nach Ostern und wie das Christentum nach Europa kam, davon wird morgen berichtet.

Audiobeitrag Verurteilt unter Verbrechern


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