Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.08.10, Pfarrer Sven Keppler

Strahlen

Autor: Sie hatte Matthes in einem Club kennen gelernt. Ein völlig überdrehter Typ, voller Unruhe und irrer Energie. Wie eine Wunderkerze, die in kurzer Zeit verglüht.

Sprecherin: Matthes konnte stundenlang tanzen, ohne Unterbrechung. [...] Auch sonst wirkten seine Bewegungen wie eine Abfolge von zwanghaften Tics, er zog die Schultern hoch, wedelte mit den Händen, schüttelte den Kopf und machte komische kleine Ausfallschritte vor und zurück.

Autor: Die Wuppertaler Autorin Hanna Lembke erzählt die Geschichte von Matthes in ihrem Buch „Gesichertes“. Die junge Frau fühlt sich von Matthes angezogen. In gewisser Weise ist er ein Spiegel für sie. Die Unruhe kennt sie von sich selbst. Wenn sie ihm begegnet, dann verstärkt er nur, was sowieso in ihr steckt.

Sprecherin: Es schien mir, als würde Matthes damit nur eine Unruhe nach außen kehren, die ich von mir selber kannte. [...] Immer war es Matthes, der auf mich zukam. Er umarmte mich so fest, als wolle er mir die Rippen zerquetschen, so kurz, dass der Schreck viel zu schnell vorbei war; von meinem Brustkorb spürte ich ein Kribbeln durch meinen Körper gehen, bis in meine Fingerspitzen und Zehen. In diesen Momenten war es, als würde etwas von Matthes auf mich übergehen, als wäre es möglich, überschüssige Energie von dem einen Menschen auf einen anderen zu übertragen.

Autor: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ So hat es der Kirchenvater Augustin vor vielen Jahrhunderten geschrieben. Unser ganzes Leben ist von einer tiefen Unruhe erfüllt. Nicht weil wir zuviel Kaffee trinken oder zu viele Pillen schlucken. Das auch. Aber das Entscheidende hat mit unserem Herzen zu tun. Es schlägt unruhig, weil es auf der Suche ist.

Sprecherin: Ich ging fast jede Nacht aus, seit ich im Frühjahr nächtelang wach gelegen hatte. Mit dem Gefühl, mir stünde eine Prüfung bevor, deren Ergebnis über den weiteren Verlauf meines Lebens entscheiden würde. Dabei wusste ich, dass eine derartige Prüfung niemals stattfinden würde. [...] „Du bist noch auf der Suche“, brüllte Matthes mir eines Nachts ins Ohr, „aber da ist nichts“, er wiederholte das Wort fünfmal und tätschelte meine Schulter dazu: „Nichts, nichts, nichts, nichts, nichts“, dann wandte er sich ab und im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Autor: Es gibt einen Punkt, wo die Unruhe zu einem tödlichen Strudel wird. Man kreist nur noch um sich selbst. Stellt sich immer wieder dieselben Fragen, ohne eine Antwort zu finden. Jetzt wäre es wichtig, den Kreislauf zu unterbrechen. Anzuhalten, durchzuatmen. Dahin zurück zu kommen, wo die natürliche Unruhe das Leben bewegt, anstatt es zu zerstören. Matthes ist über den Punkt hinaus. Er glaubt nicht daran, dass er bei seiner Suche noch irgendetwas finden könnte. Sein Ausruf klingt wie ein Hilfeschrei und eine Warnung. Die Frau soll nicht auch den gefährlichen Punkt überschreiten.

Sprecherin: An den nächsten Abenden, an denen ich zu Hause blieb, und später, als ich gar nicht mehr ausging, merkte ich, dass sich meine Unruhe vom Frühjahr nicht gelegt hatte. Ich hatte sie nur nicht mehr so deutlich gespürt, als wäre sie aufgehoben gewesen in den Nächten.

Autor: Die Unruhe ihrer Suche hatte sie betäubt in einer maßlosen Überdrehung. Matthes hatte sie davor bewahrt, sich in ihrem Strudel zu verlieren. Nun konnte sie wieder die natürliche Unruhe spüren, die zum Leben dazugehört. Bis wir Ruhe finden in Gott, der uns fehlt.

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