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Vorbilder
Ich saß mit meinem Freund am Tresen. Wir waren noch Studenten und schrieben an unseren Doktorarbeiten. Bei einem Bier ließen wir die vergangene Woche Revue passieren.
Es ging, wie immer, um Gott und die Welt. Irgendwann sprach uns unser Nachbar an: Wollt Ihr eigentlich Pfarrer werden? Unsere Themen hatten uns verraten und wir stimmten zu. Und dann sitzt Ihr hier und trinkt Bier?
Wir waren höchstens beim zweiten Glas, während der Nachbar schon den einen oder anderen halben Liter geleert hatte. Lächelnd fragten wir zurück, ob er denn etwas gegen das Biertrinken habe. Um ihn gehe es nicht, sagte er. Er sei ja ein normaler Mensch. Aber von den Pfarrern würde er etwas anderes erwarten. Warum denn?, wollten wir wissen. Dass ich ein Sünder bin, weiß ich ja, meinte er, aber wenigstens die Pfarrer sollen so leben, wie ich es nicht schaffe. Die sollen mich vertreten als gute Menschen.
Er wollte gar nicht, dass wir vorbildlich leben. Ein Vorbild müsste man ja nachahmen. Und das war nicht sein Ziel. Er wollte die moralischen Pflichten an uns abgeben. So wie seine Frau für ihn die Wäsche wusch, so sollten wir für ihn das anständige Leben übernehmen.
Wahrscheinlich dachte er genau so über Politiker und Lehrer. Die Politiker sollen das öffentliche Leben in Ordnung bringen, während man selbst bei der Steuererklärung schummelt. Die Lehrerinnen sollen aus den eigenen Kindern wohlerzogene Menschen machen, was man selber nicht geschafft hat. Und wenn all diese Rechnungen nicht aufgehen, dann wird kräftig geschimpft: auf die verlotterten Pfarrer, die selbstsüchtigen Politiker, die durchsetzungsschwachen Lehrer.
Auf dem letzten Kirchentag habe ich eine andere Meinung gehört. In München ging es immer wieder um die Priester und ihre Verfehlungen. Im Museum unterhielten sich zwei Frauen von der Aufsicht. Die eine überlegte, aus der Kirche auszutreten. Da sagte die andere: Am Herrgott liegts ja gar nicht. Sondern am Bodenpersonal. Dass die Menschen sind unds nicht sein dürfen.
Sie hatte den Zölibat im Blick. Aber ich musste wieder einmal an das Kneipengespräch denken. Vielleicht verlangt ja nicht nur das katholische Kirchenrecht Übermenschliches von seinen Priestern. Das Problem sind auch all diejenigen, die ihre eigene Verantwortung auf Profis abwälzen wollen. Die Pfarrer, Politiker und Lehrer sollen Stellvertreter sein. Sie sollen leisten, was man von sich selbst schon längst nicht mehr erwartet.
Da möchte ich schon lieber Vorbild sein als Stellvertreter. Möchte versuchen, vorbildlich das zu tun, was ich für richtig halte. Darum würde ich mich wahrscheinlich auch bemühen, wenn ich Ingenieur geworden wäre. Vorbildlich finde ich zum Beispiel, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Nicht andere für mich fasten zu lassen, sondern selber auf die richtige Menge Alkohol zu achten. Nicht auf die Politiker zu zeigen, sondern mich selbst fürs Gemeinwohl zu engagieren. Und meiner Tochter selbst zu erziehen, statt sie vor dem Fernseher zu parken und alles andere von den Erzieherinnen zu erwarten. Gott befreit uns zu einem verantwortlichen Leben. Er hat mir selbst ein Gewissen gegeben und nicht nur den Profis.
Vorbilder
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