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Ganz einfach menschlich
Neulich bin ich bei der Predigt ausgestiegen. Eigentlich hatte die Pastorin noch nicht einmal die Kanzel bestiegen, als meine Gedanken bereits in die Ferne schweiften.
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. So hatte es in der Schriftlesung geheißen. Es waren die letzten Verse des Matthäus-Evangeliums. Jesus richtet hier das Wort an seine Jünger und erteilt ihnen den sogenannten Missionsbefehl. Und der lautete in den Worten der Lektorin folgendermaßen: Darum gehet hin und machet zu Jüngern und Jüngerinnen alle Völker. Und zack war ich draußen. Statt weiter auf den Lesungstext zu hören und mir darüber Gedanken zu machen, wie das mit dem zu Jünger machen wohl funktioniert, dachte ich nun über die Rolle der Frau in Kirche und Gesellschaft nach. Bei der Formulierung Jünger und Jüngerinnen setzte sich plötzlich ein kleiner Mann oder, besser gesagt, eine kleine Frau bei mir ins Ohr, die mir mit erhobenem Zeigefinger und energischer Stimme die Worte zuraunte: Auch die Frauen sind hier gemeint! Und diese Stimme setzte sich in meinem Ohr bis weit über den Gottesdienst hinaus fest.
Ich verstehe schon, dass Frauen sich gelegentlich daran stören, dass in der Kirche so häufig die Männer das letzte Wort haben. Ich verstehe auch, dass Frauen deshalb versuchen, die Sprache so zu gebrauchen, dass sich das weibliche Geschlecht nicht ausgegrenzt fühlt. Ebenfalls kann ich nachvollziehen, dass Frauen sich in diesem Zusammenhang darum bemühen, auch männerlastige Bibeltexte so zu gestalten, dass sich Frauen mit angesprochen fühlen. Dabei stört es mich weniger, dass bei dieser Gelegenheit auch ein paar weibliche Wesen in den Bibeltext mit hineinrutschen, die dort ursprünglich gar nicht vorhanden sind, auch wenn es nicht ganz die feine englische Art ist, ohne Zustimmung des Autors noch ein paar weitere Handlungsträger in dessen Text unterzubringen. Was mich stört, ist das kleine Frauchen in meinem Ohr, das dann, wenn es inhaltlich interessant wird, den Finger hebt, um mich schnell noch mal daran zu erinnern, dass auch an dieser Stelle die Frauen mit gemeint sind.
Ich weiß, Männer sind bisweilen borniert. Manchmal kapieren sie erst, worum es geht, wenn ihnen Frauen mit ihrem Anliegen so richtig in den Ohren liegen. Insofern ist auch eine Ausdrucksweise berechtigt, die das Weibliche betont. Nur frage ich mich, ob eine frauengerechte Ausdrucksweise auch wirklich immer der Sache gerecht wird. Bei allzu heftigem Gebrauch wird sie das sicherlich nicht, denn wenn es darum geht, inmitten des geräuschvollen Alltags Gottes Stimme zu vernehmen, dann ist es nicht besonders hilfreich, durch frauenfreundliche Formulierungen erneut darauf gestoßen zu werden, dass das Verhältnis zwischen den Geschlechtern immer noch nicht so besonders ist.
Ganz gleich, in welcher Dosierung frauenfreundliche Sprache verwendet wird, es wäre schön, wenn uns nach einem Gottesdienstbesuch nicht die kirchliche Frauenbeauftragte, sondern Gott in den Ohren läge. Und der ist weder männlich noch weiblich, sondern ganz einfach menschlich.
Ganz einfach menschlich
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