Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.08.10, Jörn Heller

Ohren auf zum Gebet!

O-Ton: „Beim nächsten Ton ist es: fünf Uhr - sechsundfünfzig – und zehn Sekunden [Piep-Ton].“Autor: So klingt die telefonische Zeitansage der Stadt Berlin.

Ähnliches klingt es, wenn man in Hamburg anruft oder eine bundesweite Nummer der Telekom wählt. Kirchliche Zeitansagen klingen dagegen so:

O-Ton: Glocken der Siegener Nikolaikirche
 

Autor: Oder so:

O-Ton: Glocken der Siegener Kirche St. Peter und Paul

Autor: Oder so:

O-Ton: Glocken der Siegener Marienkirche

Autor: Ich wohne in Siegen, und wenn ich wissen will, wie spät es ist, muss ich weder zum Hörer greifen noch auf die Uhr schauen. Ich muss nur die Ohren aufmachen. Die Nikolaikirche bei mir um die Ecke hat für ihre Zeitansage zwei Senioren beschäftigt, die bereits über 500 Jahre im Einsatz sind: eine größere Glocke für die volle Stunde und eine kleinere für den Rest.

O-Ton: „Die ertönt bei jeder Viertelstunde, bei der ersten einmal, zur halben Stunde zweimal, zur Dreiviertelstunde dreimal und zur vollen Stunde viermal, und nachdem die dann viermal geschlagen hat, beginnt dann die andere Glocke mit dem Stundenschlag.“    

Autor: Heliodor Frankovski ist Küster an der Nikolaikirche und sorgt dafür, dass seine Glocken Tag und Nacht in Schwung bleiben. Wenn er alles richtig eingestellt hat, kriege ich in wenigen Minuten von meiner Kirche Folgendes zu hören:

O-Ton: Sechsuhrläuten der Nikolaikirche

Autor: Nun wäre aber Kirche nicht Kirche, wenn sie sich auf die Ansage der Uhrzeit beschränken würde. Es gibt noch ein anderes Läuten, das jeden Tag deutlich zu vernehmen ist und das man dennoch leicht überhört.

O-Ton: „Das Gebetsläuten ist morgens um sieben, mittags um 12 und abends um 19 Uhr. Und das Gebetsläuten hat den Zweck, den Gläubigen zum Gebet aufzurufen. Morgens um sieben, mittags um 12 wird mit der Jung-Stilling-Glocke in der Nikolaikirche geläutet und abends mit der Abendglocke, die aus dem Jahre 1408 stammt.“

Autor: Dreimal am Tag erhebt sich also hoch über meinem Alltag eine Stimme, die mich auffordert innezuhalten, das, was mich gerade beschäftigt, für einen kurzen Moment ruhen zu lassen und mich Gott zuzuwenden.

O-Ton: Mittagsgeläut der Siegener Nikolaikirche       

Autor: Dreimal am Tag Zwiesprache mit Gott. Das könnte meinem hektischen Leben einen wohltuenden Rhythmus geben. Es würde mir regelmäßig in Erinnerung rufen, dass sich über meinem begrenzten Stückchen Erde noch ein Himmel wölbt. Dabei könnte ich ein Vaterunser beten. Oder einen Stoßseufzer gen Himmel schicken. Oder eine Fürbitte für einen Menschen, der Hilfe braucht. Ich könnte aber auch einfach mal still werden. Wer weiß, was es in der Stille zu hören gibt.

Wenn Gott im Nebenjob bei der Telefonauskunft beschäftigt wäre, vielleicht würde er dann unsere Begegnung ebenso freundlich quittieren wie die nette Stimme aus dem Telefonhörer und unsere Unterredung statt mit Amen so beenden:  

O-Ton: „Danke für das nette Gespräch. Sie sind ein guter Zuhörer. Tschüss, einen schönen Tag.“

Audiobeitrag Ohren auf zum Gebet!


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