Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.08.10, Jörn Heller

Fremdgefreut

Neulich war ich im Supermarkt, um mir eine Tüte Chips zu kaufen. Das Viertelfinalspiel Deutschland – Argentinien war erst wenige Minuten vorbei,

und so war ich in dem Riesenladen der einzige Kunde. Als ich an die Kasse kam, traf ich dort auf eine völlig überdrehte Kassiererin, die mir den fälligen Geldbetrag so launig entgegenzwitscherte, als habe ihr jemand `was in den Kaffee getan. „Haben Sie das Spiel auch gesehen?“ fragte ich, um den Grund ihres Heiterkeitsausbruchs dingfest zu machen. „Ach wo, ich musste doch arbeiten!“ entgegnete sie und nahm mein Geld in Empfang. Seltsam, dachte ich, kein einziges Tor mitbekommen und schnappt dennoch über vor Freude!

Eigentlich ist mir diese Art der guten Laune ja fremd, bei der man seine Stimmung wie ein Fähnchen in den Wind hängt, um auf diese Art und Weise in Schwung zu kommen. Natürlich war das 4:0 gegen Argentinien erfreulich, aber ich persönlich freue mich lieber über eigene Erfolge statt über die meiner National-Mannschaft. Ich klinke mich ungern bei andern Leuten ein, um mich gut zu fühlen.

Andererseits dachte ich: „Lieber fremdgefreut als selbstzerknirscht!“ Und wenn ich es recht überlege, ist es gar nicht mal so dumm, sich mit seiner Laune anderswo zu orientieren als bei sich selber. Denn wenn ich mich nur dann freuen kann, wenn ich selber etwas Erfreuliches vorzuweisen habe, dann wäre mein Leben vielleicht doch ein kleines bisschen trist. Ich persönlich wüsste jedenfalls nicht so schrecklich viele Erfolge aufzuzählen, die mich gutelaunemäßig über Wasser halten würden. Dann also vielleicht doch lieber: fremdfreuen.

In der Bibel gibt es mehrere Stellen, an denen Fremdfreude eine Rolle spielt. So heißt es etwa in einem Brief des Apostels Paulus an die Philipper: „Freut euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Und wenn hier wiederholt zur Freude aufgerufen wird, dann ist  damit ganz offensichtlich vorausgesetzt, dass die Quelle der Freude aus mir heraus nicht allzu reichlich sprudelt. Aus diesem Grunde nennt  Paulus hier auch gleich die Größe, auf die ich mich  stattdessen beziehen sollte, und er tut das mit der eigenartigen Formulierung „in dem Herrn“.

„In dem Herrn“, das klingt so ähnlich wie eine Ortsangabe, so ähnlich wie „im Supermarkt“ oder „im Stadion“. Und wahrscheinlich ist die Formulierung auch genau so gemeint. Sie bezeichnet den Ort, von dem aus ich meine Freude beziehe. Ich inmitten der Freude und die Freude um mich herum, ich im Stadion und das Stadion um mich herum, ich in Gott und Gott um mich herum. Im Herrn soll ich mich mit meiner Freude verorten und verankern, im Herrn und nicht in mir.
 
Es ist zweifellos schön, wenn man sich über sich selber freuen kann. Bei genauerem Hinsehen gibt es in unserem Leben manche Erfolge zu verzeichnen, mehr, als wir vermuten. Und es gehört zu einem gesunden Selbstwertgefühl, dass wir solche Erfolge beim Namen nennen und uns ausgiebig darüber freuen. Unterm Strich aber bleibt es wohl doch so, dass der überwiegende Teil unserer Freude außerhalb unserer selbst liegt. Und dabei ist Gott immer noch die größte und tiefste Quelle.

Audiobeitrag Fremdgefreut


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