Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.08.10, Pastorin Beate Raguse

Wohin kämen wir denn?

Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen. Clara und David hatten in den Semesterferien einen Job in derselben Firma.

Zwar nicht immer mit den gleichen Arbeitszeiten, aber das war okay. Nur mit den Urlaubstagen, die ihnen zustanden, sah es schlecht aus. Clara hatte welche im August, David erst im September. Also nichts wie hin in die Verwaltung. Drei Damen sitzen hinter den Schreibtischen. Normalerweise ist hier wenig Publikumsverkehr, so sind alle dankbar für die Abwechslung und hören aufmerksam zu. Kaum hat Clara ihr Anliegen vorgebracht, hat jede eine Antwort parat. Nur dass sie alle gleichzeitig sprechen.

„Ja, wohin kämen, ja jeder kommen, alle machen würden, wir denn da?“

Ein Wirrwarr an Stimmen. Clara und David sehen sich fragend an.  Auch die Frauen schauen verdutzt, zögern, starten dann den 2. Versuch.

„Da könnte ja jeder, wenn das alle machen würden.“ Verunsichert schauen sie sich an.

Dann setzt die erste an: „Ja, wohin kämen wir denn da?“ Und die zweite: „“Wenn da jeder käme.“ Und vor lauter Freude, dass es endlich reibungslos geklappt hat, machen sie gleich weiter:
„Ja, wohin kämen wir denn, da könnt ja jeder kommen, wenn das alle machen würden, könnt’ ja jeder kommen.“

Bildete Clara sich das ein, oder huschte da gerade ein Lächeln über die Lippen von Frau Eins. Schnippte die zweite mit den Fingern und begann die dritte nicht gerade ihre Hüften rhythmisch zu bewegen? „Da könnt’ ja jeder kommen, wenn das alle machen würden, könnt ja jeder, machen, kommen, kämen wir denn da?“

Eine Antwort gab es nicht mehr, denn die Tür ging auf und ein Bote kam herein. Frau Eins stieg wieder vom Schreibtisch herunter, Frau Zwei zog ihren Rock glatt und die Dritte sah Clara und David mit strenger Miene an; „Wir denken mal darüber nach. Aber erhoffen sie sich nicht zuviel.“

Ein Freund nennt sie Killersätze. Wohin kämen wir denn da? Das ist doch nicht dein Ernst. Das wäre ja noch schöner. Sätze, die das Bestehende zum unumstößlichen Gesetz erklären, jede Suche nach einer Alternative verbieten, alles Neue im Keim ersticken.

Sätze hinter denen eine Haltung steht, die einer gar nicht mag; Kurt Marti, Schweizer Pfarrer und vielfach ausgezeichneter Schriftsteller. Kein Wunder, denn Kurt Marti ist bekannt für sein politisches Engagement. In Zeiten des kalten Krieges geriet er in den Verdacht, ein Kommunist und Subversiver zu sein.  Seine Überzeugung kostete ihn sogar seine Karriere; Anfang der Siebziger Jahre als man ihm aus politischen Gründen eine Professur für Predigtlehre verweigerte. Doch das hinderte Marti nicht sich weiterhin für Freiheit und Demokratie einzusetzen. Auch weltweit. 

So kämpft er seit Jahrzehnten für eine gerechtere Globalisierung. Er ist Mitbegründer der Erklärung von Bern. So wundert es nicht, dass Kurti Marti sich von einer Frage wie „Wohin kämen wir denn?“ nie beeindrucken ließ. Im Gegenteil; schon 1972 diente sie ihm als Vorlage eine ganz andere Frage zu stellen. Wo kämen wir hin, wenn alle sagten: „Wo kämen wir hin?“ und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin wir kämen, wenn wir gingen. 

Audiobeitrag Wohin kämen wir denn?


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