Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.08.10, Kirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum

Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht (eg 506)

Autorin: Die Kirche liegt etwas außerhalb des Dorfes auf einem Hügel. Als ich an diesem prächtigen Hochsommertag den Kiesweg zum Gotteshaus hinaufsteige,

steht die Kirchentür weit offen. Musik dringt an mein Ohr. Man hört es schon von Ferne. Aha, die Bläser proben schon. Sie spielen ein altes Loblied:

Instrumentalmusik / Bläser

Autorin: An der Kirche angelangt, lasse ich meinen Blick noch einmal über die malerische Umgebung schweifen. Gelb leuchten die Felder, grün die Wiesen, dazwischen Farbtupfer von bunten Sommerblumen und darüber wölbt sich strahlend blau der Himmel – da möchte ich doch gleich in das Loblied einstimmen!

Choral: (Strophen 1 und 2)
1. Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht,/ die Weisheit deiner Wege,/ die Liebe, die für alle wacht,/ anbetend überlege:/ so weiß ich, von Bewundrung voll,/ nicht, wie ich dich erheben soll,/ mein Gott, mein Herr und Vater.

2. Mein Auge sieht, wohin es blickt,/ die Wunder deiner Werke;/ der Himmel, prächtig ausgeschmückt,/ preist dich, du Gott der Stärke./ Wer hat die Sonn an ihm erhöht?/ Wer kleidet sie mit Majestät?/ Wer ruft dem Heer der Sterne?

Sprecher: Mein Auge sieht, wohin es blickt, / die Wunder deiner Werke;/ der Himmel, prächtig ausgeschmückt, / preist dich, du Gott der Stärke./ Wer hat die Sonn an ihm erhöht?/ Wer kleidet sie mit Majestät?/ Wer ruft dem Heer der Sterne?

Autorin: Groß ist die Bewunderung des Dichters Christian Fürchtegott Gellert für Gottes Schöpfung. Aus vollem Herzen kann ich sie teilen. Aber über folgende Textstelle in der ersten Strophe stolpere ich jedes Mal aufs Neue:

Sprecher: Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht/die Weisheit deiner Wege/
die Liebe, die für alle wacht/ anbetend überlege.

Autorin: Anbeten und überlegen – das passt doch nicht zusammen! Überlegen bedeutet: nachdenken, den Verstand bemühen, vielleicht sogar grübeln. Anbetung, Lobpreis, gemeinsamer Gesang dagegen meint doch: sich einschwingen in den Rhythmus der Musik, sich fallen lassen in den Klang, getragen werden von schönen Harmonien. Und dabei die vielen alltäglichen Gedanken und Überlegungen endlich einmal hinter sich lassen!

Instrumentalmusik / Bläser

Autorin: Gemeinsames Singen und Loben wird oft als willkommener Gegensatz zum Denken empfunden. Für Christian Fürchtegott Gellert, den beliebten Professor in Leipzig, war das anders. Er lebte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der Zeit der Aufklärung. Der revolutionäre Leitsatz dieser Zeit stammt von dem Philosophen Immanuel Kant:

Sprecher: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Autorin: Der Pfarrerssohn Gellert lehrte seit 1745 an der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig. Seine öffentlichen Vorlesungen behandelten die schönen Wissenschaften: Poesie, Rhetorik und Literatur, Ethik und Moral. Seine Vorliebe für das Schöne hat für Gellert eine besondere Bedeutung, die er so formuliert:

Sprecher: Mein Bestreben ist es, mit dem Geschmack am Schönen zugleich auch die Neigung für das Gute zu wecken.

Autorin: Die Literatur war für Professor Gellert das geeignete Mittel für die Erziehung der Menschen. So veröffentlichte er Fabeln, Lehrgedichte, Theaterstücke und Romane. Sein letztes Werk war die Sammlung „Geistliche Oden und Lieder“ im Jahre 1757. Darin befindet sich auch unser heutiger Choral.

Choral: (Strophen 3 und 4)
3. Wer misst dem Winde seinen Lauf ? / Wer heißt die Himmel regnen?/ Wer schließt den Schoß der Erde auf, / mit Vorrat uns zu segnen? / O Gott der Macht und Herrlichkeit, / Gott, deine Güte reicht so weit, / So weit die Wolken reichen.

4. Dich predigt Sonnenschein und Sturm, / dich preist der Sand am Meere./ Bringt, ruft auch der geringste Wurm, / bringt meinem Schöpfer Ehre! / Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, / mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht; / Bringt unserm Schöpfer Ehre!

Sprecher: Dich predigt Sonnenschein und Sturm, / dich preist der Sand am Meere./ Bringt, ruft auch der geringste Wurm, / bringt meinem Schöpfer Ehre! / Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, / mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht; / Bringt unserm Schöpfer Ehre!

Autorin: Singen und Denken – passt das zusammen? In Gellerts Lied wird der denkende Mensch zur Krone der Schöpfung. Zweihundertfünzig Jahre und zwei Weltkriege später möchte ich das nicht mehr unterschreiben. Kann ich mit meinem Verstand noch rechtfertigen, was der Männerchor nun in der fünften Strophe singt:

Choral: (5. Strophe): Der Mensch, ein Leib, den deine Hand / so wunderbar bereitet, / der Mensch, ein Geist, den sein Verstand / dich zu erkennen leitet: / der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis, / ist sich ein täglicher Beweis / von deiner Güt und Größe.

Autorin: Ich möchte den Verstand nicht ausschalten, wenn es um das Singen geht. Singen ist ja nicht ungefährlich: in Verbindung mit der Musik werden Botschaften transportiert, die sich nachhaltiger einprägen als nur rein gesprochene Worte. Der Missbrauch des gemeinsamen Singens zur Gleichschaltung der Massen während des Nationalsozialismus lehrt mich, genau hinzuhören, was da gesungen wird. Und wie oft wird auch heute noch mit schönen Tönen inhaltlicher Blödsinn ins Ohr geträufelt – der Text scheint doch nicht so wichtig, Hauptsache, es klingt gut! Ich will mich aber nicht einlullen lassen: Verstand und Gefühl müssen beim Singen zusammen kommen, sonst wird die Musik zum Betäubungsmittel.

Instrumentalmusik / Bläser

Autorin: Singen und Denken hängen zusammen. Auch neurobiologische Forschungen bestätigen das: Beim gemeinsamen Singen produziert unser Gehirn einen Cocktail chemischer Stoffe: Dopamin macht gute Laune und fördert die Konzentration, Endorphine beruhigen, besiegen Ängste und verringern Schmerzen, Oxytocin sorgt dafür, dass wir uns in der Singgruppe wohlfühlen. Man kann es auch so beschreiben: Singen stärkt die Seele und befreit das Denken. Der Atem fließt, Verkrampfungen lockern sich, Blockaden lösen sich auf. Nicht umsonst beginnen und schließen wir unsere kirchlichen Sitzungen mit einem gemeinsamen Lied. Auch Christian Fürchtegott Gellert hat davon gewusst. In der Vorrede zu seinen „Geistlichen Oden und Liedern“ rühmt er die Bedeutung der Poesie für die Religion und fordert somit die künstlerische Verbindung von Poesie und Gesang.

Sprecher: Wenn die Sprache der Poesie vorzüglich geschickt ist, den Verstand auf eine angenehme Weise zu beschäftigen; wenn sie geschickt ist, das Herz in Bewegung zu setzen und die Empfindungen der Freude, der Liebe, des Mitleidens und des Schmerzes zu erwecken: so ist es unstreitig eine große Pflicht der Dichter, diese Kraft den Wahrheiten und Empfindungen der Religion zu widmen. Da der Gesang eine große Gewalt über unsere Herzen hat: so sollte man der Religion besonders diejenige Art der Poesie heiligen, die gesungen werden kann.

Choral: (6. Strophe): Erheb ihn ewig, o mein Geist, / erhebe seinen Namen; / Gott unser Vater sei gepreist, / und alle Welt sag Amen, / und alle Welt fürcht ihren Herrn / und hoff auf ihn und dien ihm gern. / Wer wollte Gott nicht dienen?

Musikinformationen:
CD-Titel:   Lobpreiset unsern Gott
Track-Nr. + Titel:  Track 5  „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“
Komponist:   Peter Sohr 1668/Halle 1704
Bearbeiter:  Otto Haubrich

CD-Titel:  Matthias Claudius und seine Zeitgenossen "Am Himmel hell und klar“
Track-Nr. und Titel: 14  „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“
Text von Dichter: Christian Fürchtegott Gellert 1757
Melodie:  Peter Sohr 1668/ Halle 1704
Bearbeiter/ Chorsatz: Neumünster 1931 (ohne Namen)
Chor:   Solistenensemble unter der Leitung von: Gerhard Schnitter

Literaturhinweis:
1.) Zitat nach:
Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, Calwer Verlag Stuttgart 2001, S. 689

2.) Zitat aus:
Christian Fürchtegott Gellert, Vorrede zu den „Geistlichen Oden und Liedern“
Quelle:
www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1757_gellert.html

Audiobeitrag Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht (eg 506)


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