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Es mag sein, dass alles fällt (eg 378)
Choral / 1. Strophe: Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen.
Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen läßt, er hält sein Versprechen.
Autor: Dichter können zuweilen als Propheten wirken. Sie erahnen, was die Zukunft bringen mag. Im Jahr 1936 sonnte sich die Öffentlichkeit in Deutschland im Glanz der Olympischen Spiele. Sie feierte den Aufstieg aus den Kriegs- und Wirtschaftswirren der vergangenen zwei Jahrzehnte. Doch der Dichter Rudolf Alexander Schroeder spürte den kommenden Untergang schon in seinem Lied voraus und fasste seine Ahnung in ausdrucksvolle Worte.
Sprecherin: (1. Strophe): Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen. Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt, er hält sein Versprechen.
Autor: Geboren wurde Rudolf Alexander Schröder 1878 als fünftes von neun Kindern. Er wuchs in einer bürgerlich-christlichen Kaufmannsfamilie in Bremen auf. Die Eltern lebten als praktizierende Christen in einer pietistischen Gemeinde. Schröders Kindheit und Jugend waren geprägt von der familiären Frömmigkeit. Dabei entwickelte er seine dichterischen Fähigkeiten eher nebenbei. Darüber hinaus hatte er zahlreiche Talente:
Sprecher: Er hat als Architekt Häuser gebaut und Innenräume geschaffen, hat als Zeichner Bücher geschmückt und ist auch als Maler hervorgetreten. Wer das Glück gehabt hat, Rudolf Alexander Schröder persönlich zu begegnen, hat den Meister der freien Rede kennengelernt und vielleicht auch den improvisierenden Pianisten. Seit der Mitte seines Lebens hat er als Prediger und Seelsorger gewirkt, in den Hitlerjahren und in den Jahren danach hat er zahllosen Menschen Halt und Trost geschenkt. (Augustiny, S. 7)
Choral / 2. Strophe: Es mag sein, dass Trug und List eine Weile Meister ist; wie Gott will, sind Gottes Gaben. Rechte nicht um Mein und Dein; manches Glück ist auf den Schein, lass es Weile haben.
Autor: Es mag sein, dass Trug und List eine Weile Meister ist. Aber Rudolf Alexander Schröder ließ sich nicht täuschen von den braunen Parolen seiner Zeit. Er hegte Skepsis gegenüber den Machthabern und Wortführern in Kirche und Gesellschaft. Seine Mitgliedschaft in der Bekennenden Kirche trug ihm bereits 1935 das Verbot ein, öffentlich aufzutreten. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, von seinem Wohnsitz in Oberbayern aus viele Vorträge im ganzen Land zu halten, zumeist in kirchlichen Räumen. 1942, in einer Zeit, in der viele junge Pfarrer im Krieg waren, wurde Schröder als Lektor in der bayrischen Landeskirche ordiniert und konnte somit selbständig Gottesdienste halten.
Trotzdem blieb seine Distanz zu den herrschenden Mächten in Kirche und Gesellschaft bestehen. Er hat sie immer wieder in Briefen zum Ausdruck gebracht. Einem befreundeten Pfarrer schreibt er 1938:
Sprecher: Der Weg der Weltgeschichte ist ein sehr langsamer, sehr langer. Und alle Inseln und Länder der Verheißung auch der falschen! liegen hinter Wüsten oder hinter Meeren voll Blut und Tränen. Eh die Leute nicht wieder bußfertig werden und zu den Leuten gehören wir alle ist ohnehin alles umsonst. Die Krankheit der Zeit hat auch uns am Wickel.
Autor: Und Schröder schließt seinen Brief mit einer spöttisch-kritischen Abwandlung des Bibelwortes: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. (Matthäus 12,34)
Sprecher: Wollen Sie eine zeitgemäße Losung für die meisten unserer Konferenzen, Tagungen, Freizeiten
: Wes die Hose voll ist, geht der Mund über. (aus: Schröder-Stehmann, Freundeswort, S. 9)
Autor: Seine Gedichte aber zeigen ihren Verfasser als unerschrockenen Geist. Schröder nutzt seine Sprachkunst, die er in seiner Jugend in gemeinsamen literarischen Aktivitäten mit Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt gepflegt hatte. Er nutzt sie nun in den Zeiten der Verkehrung und Zerstörung aller Menschlichkeit, um das Vertrauen seiner Leser auf Gott zu stärken.
Choral: 3. Strophe: Es mag sein, daß Frevel siegt, wo der Fromme niederliegt; doch nach jedem Unterliegen wirst du den Gerechten sehn lebend aus dem Feuer gehen, neue Kräfte kriegen.
Autor: Kunstvoll kleidet der Dichter seinen Kommentar zum Zeitgeschehen in biblische Motive: Der Trost aus dem Jesajabuch klingt an:
Sprecherin: Wenn Du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen. (Jesaja 43,2)
Autor: Zugleich erinnert die Errettung aus dem Feuer an die Geschichte der drei Männer aus dem Danielbuch. Sie wurden ins Feuer geworfen, weil sie dem Herrscher von Babylon die Anbetung verweigerten (Daniel 3). Sie hatten sich allein zu ihrem Gott bekannt und wurden wunderbar in den Flammen bewahrt. Der Gerechte wird leben und neue Kräfte kriegen, so dichtet Schröder weiter und verweist noch einmal auf den Propheten Jesaja:
Sprecherin: Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. (Jesaja 40,31) Autor: Schröder verschließt nicht die Augen vor den Plagen der Welt. Er sieht die heraufziehende Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kommen und bringt sie mit der Apokalypse des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, in Verbindung.
Choral / Strophe 4: Es mag sein, die Welt ist alt; Missetat und Mißgestalt sind in ihr gemeine Plagen. Schau dirs an und stehe fest: Nur wer sich nicht schrecken läßt, darf die Krone tragen.
Autor: Sich nicht schrecken lassen von der Missgestalt der alten Welt mit ihrer Gewalt und Grausamkeit. Solche mutigen Worte haben vermutlich den Komponisten Paul Geilsdorf veranlasst, Schröders Gedicht 1940 zu vertonen. In Plauen im Vogtland 1890 geboren, war Geilsdorf seit 1917 bis zu seinem Tod 1976 als Kantor und Organist in Chemnitz tätig. Er hat eine Fülle von Chorkompositionen über religiöse und weltliche Texte geschaffen. Nur wer sich nicht schrecken lässt, darf die Krone tragen. (Offbarung 2,10). Paul Geilsdorf schuf nicht nur die Musik zu diesem Vers. Er richtete auch sein Leben danach aus. In seiner Kirche St. Petri am Theaterplatz hat er unerschrocken in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs hunderte Familien als Flüchtlinge aus dem deutschen Osten aufgenommen. Er gab ihnen Obdach zwischen den Kirchenbänken und ermöglichte so ihr Überleben. Das Bild von der Krone des Lebens aus der Offenbarung des Johannes war Geilsdorf sicherlich vertraut.
Sprecher: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut du bist aber reich Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, um euch eine Prüfung aufzuerlegen
Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. (Apokalypse 2,9.10)
Choral / Strophe 5: Es mag sein, so soll es sein! Fass ein Herz und gib dich drein; Angst und Sorge wirds nicht wenden. Streite, du gewinnst den Streit! Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen.
Autor: Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen. Sein Vertrauen auf Gott gründen, nicht auf die Burgen dieser Welt, nicht auf die Waffen, die beeindrucken und ängstigen. Daran will uns der Choral erinnern. Sich auch nicht verbrauchen und vernichten lassen von den Ängsten und Sorgen im Streit um das täglich bedrohte Leben. Diese eigenartige Zuversicht gewinnen Menschen oft gerade in Krisenzeiten aus der alten, tiefen Einsicht, dass die Zeit der Menschen nicht in ihren eigenen Händen liegt: Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen. (Psalm 31,16) Diese Einsicht hat auch in der modernen Welt nichts von ihrer Wahrheit und ihrem Wert verloren. Um diese Einsicht und um das Vertrauen auf den barmherzigen Gott können wir immer nur aufs Neue bitten.
Choral / 1. Strophe: Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen. Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen läßt, er hält sein Versprechen.
Musikinformationen: Es mag sein, dass alles fällt Komponist: Paul Geilsdorf Dichter: Rudolf Alexander Schröder 1936
Solist: Tobias Schnabel Ensemble: Solistenensemble Dirigent/Leitung: Gerhard Schnitter CD: Jochen Klepper und seine Zeitgenossen Ja ich will euch tragen; Hänssler Verlag
Literaturangaben Waldemar Augustiny, Rudolf Alexander Schröder. Tagenbaren und Weltbürger, Bremen 1978 Rudolf Alexander Schröder, Siegbert Stehmann, Freundeswort. Ein Briefwechsel aus den Jahren 1938 bis 1945, hg. v. Kurt Ihlenfeld, Witten-Berlin 1962
Es mag sein, dass alles fällt (eg 378)
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